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Fernwärme in Frankfurt

Was ist Fernwärme, was plant Frankfurt bis 2040, und was bedeutet das für Haushalte? Hintergrund zur kommunalen Wärmewende — aus offiziellen Dokumenten.

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2026… Quellennachweise

Dieser Artikel basiert auf offiziellen Dokumenten der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt. Alle Aussagen sind mit Quellenangaben versehen. Bitte prüfen Sie im Zweifel die Originalquelle.

Einordnung

Frankfurt will bis 2035 klimaneutral werden. Fast 60 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs entfallen auf Wärme — also Heizen und Warmwasser (Quelle). Fernwärme ist für die Stadt der zentrale Baustein dieser Wärmewende. Die Mainova AG — zu 75 Prozent im Besitz der Stadt Frankfurt — soll das bestehende Netz bis 2040 verdoppeln, sodass künftig über 40 Prozent des gesamten Frankfurter Wärmebedarfs über dieses System gedeckt werden (Quelle).

Die fachliche kommunale Wärmeplanung ist inzwischen abgeschlossen. Nach Angaben der Stadt vom 14. Juli 2026 soll die politische Beschlussfassung nach der Sommerpause folgen; Anfang Juli war dafür die Stadtverordnetensitzung am 1. Oktober vorgesehen. Das seit 25. Juni verfügbare städtische Wärmeportal bietet bereits gebietsbezogene Orientierung, ersetzt aber weder eine straßengenaue Ausbauzusage noch den politischen Beschluss (Sachstand der Stadt, Start des Wärmeportals).

Zum Juli 2025 stiegen die Preise für Zehntausende Bestandskunden um bis zu 36 Prozent (Quelle).

Faktenlage

Was ist Fernwärme?

Bei der Fernwärmeversorgung wird Wärme zentral in einem Kraftwerk erzeugt und über ein isoliertes Rohrleitungsnetz direkt in angeschlossene Gebäude geliefert. Die Wärme wird dort über eine Übergabestation in den Heizkreislauf des Gebäudes eingespeist — eigene Heizkessel oder Gasanlagen sind nicht mehr notwendig. Fernwärme gilt als platzsparend und wartungsarm und erfüllt die gesetzlichen Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) (Quelle).

In Frankfurt betreibt die Mainova AG das Fernwärmenetz. Angeschlossene Haushalte können den Anbieter nicht wechseln — das Netz ist auf eine Versorgerin ausgelegt (Quelle). Die Mainova gehört über die Stadtwerke Frankfurt Holding mehrheitlich der Stadt Frankfurt; die städtischen Vorlagen fassen den Anteil mit 75 Prozent zusammen (Quelle).

Fernwärme in Frankfurt: aktueller Stand

Das Fernwärmenetz der Mainova ist derzeit über 310 Kilometer lang (Quelle). Die Wärme wird hauptsächlich aus zwei Quellen erzeugt: dem Heizkraftwerk West (HKW West) und dem Müllheizkraftwerk (MHKW). Das HKW West wird bis Oktober 2026 von Steinkohle auf Erdgas umgestellt; die Kohleblöcke werden durch wasserstofffähige Gasturbinen ersetzt (Quelle).

Das Netz ist nicht flächendeckend ausgebaut. Für einzelne Stadtteile ist auch langfristig kein Anschluss geplant — weil die Entfernung zum bestehenden Netz die Anschlusskosten unwirtschaftlich macht. Das gilt für Rödelheim, Hausen und Praunheim (Quelle), für Berkersheim und Bonames (Quelle) sowie für Kalbach (Quelle). In Riedberg existiert bereits ein kleineres Fernwärmenetz, dessen weiteres Ausbaupotenzial noch im Rahmen des Transformationsplans geprüft wird (Quelle).

Der Frankfurter Plan bis 2040

Frankfurt hat 2022 beschlossen, bis 2035 klimaneutral zu werden (Quelle). Da fast 60 Prozent des Endenergieverbrauchs auf Wärme entfallen, gilt Fernwärme als “wesentlicher Baustein für die Wärmewende in Frankfurt” (Quelle).

Die Mainova hat einen Fernwärme-Transformationsplan erarbeitet, der Dekarbonisierung und Netzausbau beschreibt (Quelle). Die Kernziele:

  • Das 310-Kilometer-Netz soll in den kommenden Jahren mehr als verdoppelt werden (Quelle)
  • Über 40 Prozent des Frankfurter Wärmebedarfs sollen über Fernwärme gedeckt werden (Quelle)
  • Die Mainova garantiert in ihrem Angebot vom 12. Februar 2024, bis 2040 das gesamte Netz zu dekarbonisieren und 100 Prozent grüne Wärme zu liefern (Quelle)

Parallel schließt die Stadt stadteigene Liegenschaften an das Netz an: 48 Gebäude wurden der Mainova zur Anbindung beauftragt (Quelle). Allein der Anschluss des Frankfurter Zoos kostet 12,175 Millionen Euro (Quelle).

Wie wird das Netz grüner?

Der Weg zur “100 Prozent grünen Wärme” bis 2040 verläuft in mehreren Schritten:

Kohle raus, Gas als Brücke: Das HKW West stellt bis Oktober 2026 von Steinkohle auf Erdgas um. Gas gilt als Brückenlösung; die neuen Gasturbinen sind auf Wasserstoff umrüstbar (Quelle).

Wasserstoffnetz: Das regionale Netz “Rh2ein-Main-Connect” soll Frankfurt und die Metropolregion ab 2028 schrittweise mit klimaneutralem Wasserstoff versorgen — vollständig fertig bis 2040, Gesamtkosten rund 600 Millionen Euro (Quelle). Auf Bundesebene ist das Wasserstoffkernnetz bis 2037 geplant (Quelle).

Großwärmepumpen: Eine Machbarkeitsstudie zu Großwärmepumpen am Klärwerk Niederrad wurde Anfang 2026 abgeschlossen. Klärwasser ist im Winter effizienter als Flusswasser und steht im Fokus weiterer Untersuchungen (Quelle). Ein Flusswasser-Standort am HKW West kommt wegen laufender Baumaßnahmen frühestens ab 2030 in Betracht (Quelle).

Rechenzentren-Abwärme: Frankfurt ist Europas größter Rechenzentrenstandort. Abwärme soll verstärkt für die Wärmeversorgung genutzt werden — das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) verpflichtet Rechenzentren seit 2023 zur Abwärmenutzung (Quelle).

Stadtteile ohne Fernwärme: Wo kein Netzausbau vorgesehen ist, werden dezentrale Alternativen geprüft: Wärmepumpen oder Nahwärmenetze für mehrere Gebäude im Verbund (Quelle). Laut Mainova werden perspektivisch Hybridlösungen aus elektrischer Wärmepumpe und Gasbrennwertkessel eine verbreitete dezentrale Form der Wärmeversorgung in Haushalten darstellen (Quelle).

Kommunale Wärmeplanung: Wer bekommt was?

Der Auftrag sah vor, die kommunale Wärmeplanung bis 30. Juni 2026 zu erstellen und der Stadtverordnetenversammlung zur Beschlussfassung vorzulegen (Quelle). Die fachliche Arbeit ist abgeschlossen; der politische Beschluss stand nach städtischem Sachstand vom 14. Juli 2026 noch aus (amtlicher Sachstand). Die Planung gibt eine grobe gebietsbezogene Orientierung (Quelle).

Straßengenaue Angaben zur zukünftigen Wärmeversorgung folgen erst zusammen mit Energieversorgungs- und Ausbauplänen der Versorger (Quelle). Das Wärmeportal verringert die Planungsunsicherheit, ist aber keine verbindliche Anschlusszusage.

Ortsbeiräte in Bockenheim, Westend, Bornheim und Höchst haben konkrete Zeitpläne für ihren Stadtteil angefragt (Quelle). Im September 2025 erfuhren Mieter einer Siedlung erst aus der Zeitung, dass ihre Gebäude an das Fernwärmenetz angeschlossen werden sollen (Quelle).

Was kostet Fernwärme?

Seit dem 1. Juli 2025 liegt der Fernwärme-Mischpreis — der gewichtete Durchschnittspreis über alle Vertragstypen — bei 139 Euro pro Megawattstunde (Quelle). Damit liegt Frankfurt unter dem Bundesdurchschnitt von 152 Euro pro Megawattstunde. Die Mainova räumt ein, dass Gas noch bis Mitte/Ende der 2030er-Jahre günstiger bleiben werde (Quelle).

Die Preisstruktur besteht aus sechs Komponenten: Grundpreis, Arbeitspreis, Verrechnungspreis, Emissionspreis, Umlagenpreis und Wärmeumlagepreis (Quelle). Die Gewichtung zwischen Grund- und Arbeitspreis wurde seit 2020 mehrfach verändert (Quelle). Für 80 Prozent der Kunden stiegen die Kosten 2025 um 26 Prozent, bei weiteren 20 Prozent um 25 bis 36 Prozent (Quelle).

Wer ein Gebäude neu ans Netz anschließen lässt, zahlt mindestens 40.000 Euro Anschlusskosten pro Gebäude (Quelle).

Finanzierung des Netzausbaus

Die Mainova begründete die Preiserhöhungen gegenüber dem Magistrat mit den Investitionskosten für den Netzausbau und die Dekarbonisierung (Quelle). Parallel hat die Stadtverordnetenversammlung für 2024 bis 2027 Kapitaleinlagen für die Mainova AG beschlossen, die ebenfalls in den Ausbau fließen:

  • 2024: 170 Millionen Euro (realisiert) (Quelle)
  • 2025: 190 Millionen Euro (realisiert) (Quelle)
  • 2026: 165 Millionen Euro (geplant, haushaltsrechtlich vorbehaltlich) (Quelle)
  • 2027: bis zu 225 Millionen Euro (geplant) (Quelle)

Der Gesamtrahmen des Grundsatzbeschlusses von 2024 beträgt bis zu 750 Millionen Euro (Quelle). Die Refinanzierungsdarlehen, die die Stadt hierfür aufnimmt, belasten die städtischen Jahresergebnisse über den gesamten Finanzierungszeitraum (Quelle).

Der Magistrat erklärt, keinen direkten Einfluss auf die Fernwärmepreisgestaltung zu haben (Quelle).

Positionen

Magistrat (CDU/SPD/Grüne) setzt auf Fernwärme als Hauptpfeiler der Wärmewende. Der Preis liege unter dem Bundesdurchschnitt (Quelle). Fernwärme bleibe langfristig wettbewerbsfähig (Quelle). Die Umweltdezernentin betont, es werde keinen Anschlusszwang geben (Quelle). Die Preiserhöhung sei durch Investitionen in die Dekarbonisierung gerechtfertigt (Quelle).

Die Linke fordert eine “bezahlbare Wärmewende mit den Menschen” und verlangt mit dem Antrag NR 1472 (Dezember 2025), dass der Magistrat über den Aufsichtsrat “unverzüglich” auf umfassende Preistransparenz hinwirkt (Quelle). Der Antrag verlangt bis zum 11. März 2026 einen vollständigen Bericht zur Preisentwicklung seit 2020, inklusive der Preisformel, der Gewinnentwicklung und des Einflusses des Kohleausstiegs (Quelle). Die Linke warnt außerdem, dass grüner Wasserstoff auf absehbare Zeit nicht in ausreichender Menge verfügbar sein werde und die Gasumstellung des HKW West faktisch eine Verlängerung fossiler Verbrennung darstelle (Quelle).

Verbraucherzentrale kritisierte 2025 öffentlich die Art, wie die Mainova die Preiserhöhung kommunizierte — als “intransparent und unanständig gegenüber den Kundinnen und Kunden” (Quelle).

Mainova AG verweist auf ihren Transformationsplan: Die Preiserhöhung sei durch Investitionen in die Dekarbonisierung gerechtfertigt. Perspektivisch sollen Wärmepumpen und Hybridsysteme eine weitere Form der dezentralen Wärmeversorgung darstellen (Quelle).

Ortsbeiräte in Bockenheim, Westend, Bornheim und Höchst haben konkrete Zeitpläne für ihren Stadtteil angefragt. Der Ortsbeirat 7 (Rödelheim) hat den Magistrat aufgefordert, bei neuen Bauvorhaben wie dem Bildungscampus Rödelheim die Abwärme nahegelegener Rechenzentren als Wärmequelle einzuplanen (Quelle).

Konflikte

Investitionen, Preise und die Frage: Wer zahlt?

Die Stadtverordnetenversammlung hat Kapitaleinlagen von bis zu 750 Millionen Euro für die Mainova beschlossen — im selben Zeitraum stiegen die Fernwärmepreise für Kunden um bis zu 36 Prozent. Die Mainova kommunizierte, dass die jetzigen Bestandskunden den Netzausbau mitfinanzieren müssen (Quelle). Ein Stadtverordneter formulierte diese Kritik in einem Antrag: Rechtfertigungen müssten her, damit Bürger Preiserhöhungen von 30 Prozent schlucken — und viele, die noch nicht betroffen seien, in ein paar Jahren “wo nötig, zwangsweise zu hohen Kosten noch angeschlossen werden” (Quelle).

In den Dokumenten werden drei Sachverhalte nebeneinandergestellt: Bestandskunden sollen laut Mainova den Netzausbau mitfinanzieren, die Stadt stellt der Mainova über die SWFH Kapital bereit, und der Magistrat erklärt, keinen Einfluss auf die Preisgestaltung zu haben (Quelle) (Quelle).

Kein formaler Anschlusszwang

Offiziell gibt es keinen Anschlusszwang. Doch was bleibt Vermietern und Eigentümergemeinschaften übrig, wenn fossile Brennstoffe nicht mehr verfügbar sind (Quelle)? Auf die Eigentümer kommen bei Fernwärmeanschluss Kosten von mindestens 40.000 Euro pro Gebäude zu (Quelle). Ob und wie diese Kosten über die Modernisierungsumlage auf Mieter umgelegt werden, ist offen.

Preisformel-Intransparenz

Die sechskomponentige Preisformel der Mainova ist für Verbraucher kaum nachvollziehbar. Die Intransparenz wurde 2025 von der Verbraucherzentrale öffentlich kritisiert. Stadt und Runder Tisch Energiearmut wurden laut NR 1472 erst kurz vor der öffentlichen Bekanntmachung der Preiserhöhung informiert (Quelle). Das ServiceCenter der Mainova im Bienenkorbhaus war monatelang für persönliche Beratungen geschlossen (Quelle).

Informationspolitik bei Störungen

Bei einem Fernwärmeausfall im Frankfurter Norden am 23. Oktober 2025 war das Müllheizkraftwerk betroffen. Die FES als federführende Gesellschafterin informierte betroffene Anwohner in Mertonviertel, Riedberg und Nordweststadt um 08:31 Uhr, über Social Media ab 09:09 Uhr (Quelle). Bei einer früheren Störung waren Informationen nur aus Presseberichten und privaten Facebook-Gruppen verfügbar (Quelle).

Wasserstoff-Wette

Die Umstellung des HKW West auf Gas wird als Brücke zur Wasserstoffnutzung dargestellt. Die Linke hält dagegen: Grüner Wasserstoff werde auf absehbare Zeit nicht in ausreichender Menge verfügbar sein (Quelle). Das Wasserstoffnetz “Rh2ein-Main-Connect” kostet 600 Millionen Euro und ist erst bis 2040 geplant (Quelle). Der Betrieb der Gasverteilnetze werde deutlich früher unwirtschaftlich, als der letzte Haushalt vom Gas abgekoppelt sei (Quelle).

Ausblick

Kohleausstieg Oktober 2026

Im Oktober 2026 endet der Steinkohlenbetrieb im Heizkraftwerk West. Das Heizkraftwerk wird auf Gas umgestellt (Quelle). Der Wegfall des Kohlepreises als Preisformelkomponente ab Oktober 2026 könnte die Endpreise für Kunden beeinflussen — in welche Richtung und in welchem Ausmaß ist Stand März 2026 offen.

Transparenzbericht im März 2026

Die Linke hat bis zum 11. März 2026 einen vollständigen Bericht zur Preisentwicklung seit 2020 beantragt (Quelle). Dieser soll die vollständige Preisformel, alle Änderungen seit 2020, die Gewinnentwicklung und den Effekt des Kohleausstiegs dokumentieren.

Wärmeplanung: Facharbeit abgeschlossen, Beschluss noch offen

Der Termin 30. Juni 2026 war der Arbeitsauftrag (Quelle). Die technische Planung ist abgeschlossen und das Wärmeportal online; nach dem amtlichen Stand vom 14. Juli 2026 war die politische Beschlussfassung nach der Sommerpause noch offen (Stadt Frankfurt).

Alternativen jenseits der Fernwärme

Die Machbarkeitsstudie zu Großwärmepumpen am Klärwerk Niederrad wurde Anfang 2026 abgeschlossen (Quelle). Abwärme aus Rechenzentren soll einen weiteren Baustein der Wärmewende darstellen (Quelle). In Stadtteilen ohne Fernwärmeausbau werden Wärmepumpen und Nahwärmenetze geprüft (Quelle).

Offene Fragen

Für betroffene Haushalte bleiben zentrale Fragen offen: Wie setzt sich die Preisformel zusammen, und wer kontrolliert, ob Preiserhöhungen verhältnismäßig sind? Welcher Anteil der städtischen Kapitaleinlagen fließt tatsächlich in die Dekarbonisierung — und welcher in die allgemeine Liquiditätssicherung? Wann und wie werden Mieter informiert und beteiligt, bevor über den Heizungsanschluss ihrer Wohnung entschieden wird?

Der Magistrat hat angekündigt, künftig jährlich über den Stand der Klimaschutzmaßnahmen zu berichten (Quelle).

Referenzierte Vorlagen (29)

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