E-Scooter in Frankfurt
Wilde Roller, volle Gehwege, tödliche Unfälle: Wie Frankfurt mit E-Scootern ringt — und warum die Lösung auf sich warten lässt.
Dieser Artikel basiert auf offiziellen Dokumenten der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt. Alle Aussagen sind mit Quellenangaben versehen. Bitte prüfen Sie im Zweifel die Originalquelle.
Einordnung
E-Scooter sind Frankfurts meistdiskutiertes Verkehrsthema auf Stadtteilebene. Seit 2019 rollen die Leihroller durch die Stadt — und seit 2019 streiten alle 16 Ortsbeiräte über wilde Abstellerei, blockierte Gehwege und gefährliche Unfälle. In der Frankfurter Lokalpolitik haben E-Scooter über die Jahre Hunderte von Anträgen, Stellungnahmen und Anfragen ausgelöst — kaum ein anderes Verkehrsthema beschäftigt die Ortsbeiräte so regelmäßig.
Die Stadt versucht, mit Sondernutzungserlaubnissen, Parkzonen und einer App Ordnung zu schaffen (Quelle). Der Plan: bis zu 1.000 Mobilitätsstationen im gesamten Stadtgebiet (Quelle). Die Realität in den Stadtteilen sieht anders aus: Gehwege von 80 Zentimetern Breite, zugestellt mit umgekippten Rollern, Schulzufahrten blockiert, Rettungswege versperrt.
Dazu kommt ein Sicherheitsproblem, das weit über Ärger hinausgeht: Im Juli 2025 starben zwei 23-Jährige bei einem Unfall mit einem E-Scooter auf der Mainzer Landstraße (Quelle).
Faktenlage
Wie reguliert Frankfurt E-Scooter?
Seit 2022 brauchen E-Scooter-Anbieter eine Sondernutzungserlaubnis der Stadt (Quelle). Diese Erlaubnisse regeln Abstellorte und Fahrzeugzahlen. Die Regeln werden halbjährlich überarbeitet; eine Curbside-Management-Software unterstützt Evaluation und Kontrolle (Quelle). Die zuvor genannte konkrete Anbieter- und Flottenobergrenze wurde entfernt, weil dafür im Audit keine belastbare Primärquelle vorlag.
Im gesamten Stadtgebiet wurden bisher rund 150 ausgewiesene Parkflächen eingerichtet, jeweils mit einem Sperrradius von 100 Metern — innerhalb dieses Radius können Leihroller technisch nicht abgestellt werden (Quelle). Falsch abgestellte Roller können über die Nivel-App gemeldet werden, die Anbieter müssen sie dann kurzfristig beseitigen (Quelle).
Das Abstellproblem
Trotz 150 Parkzonen bleibt wildes Abstellen das größte Alltagsproblem. Aus dem Ortsbeirat 11 heißt es: Mietroller werden oft rücksichtslos quer geparkt, weil niemand nachvollziehen kann, wer geparkt hat und keine Strafe droht (Quelle). Einzelne E-Roller lassen Menschen mit Gehhilfen, Rollstühlen oder Kinderwagen keine Chance, sicher an ihr Ziel zu kommen (Quelle).
Am Nordausgang des Höchster Bahnhofs ist der Gehweg zwischen Bahnhofsgebäude und Fahrradabstellanlage zeitweise komplett zugestellt (Quelle). In Unterliederbach “stauen” sich die E-Scooter an der Königsteiner Straße — laut Ortsbeirat, weil sie aufgrund der Stadtgrenze nicht weiterfahren können und dort einfach auf dem Gehweg abgestellt werden (Quelle). Vor der Schule am Ried in Bergen-Enkheim stehen nach wie vor regelmäßig zahlreiche E-Scooter, teilweise umgekippt, und behindern die Zufahrt für Lieferfahrzeuge und Rettungsdienste (Quelle). Der Ortsbeirat 16 forderte den Magistrat im Oktober 2025 auf zu erklären, warum eine zuvor angekündigte Sperrung des Bereichs noch immer nicht umgesetzt wurde (Quelle).
Wo Parkzonen existieren, funktioniert das System allerdings: Eine FNP-Recherche zitiert Grünen-Fraktionschefin Katharina Knacker mit der Einschätzung, dass es an Standorten mit Stellplätzen “recht gut” funktioniere (Quelle). Das Problem: Die meisten Stadtteile haben diese Stellplätze noch nicht.
Mobilitätsstationen als Lösung?
Frankfurts langfristige Antwort auf das Abstellchaos sind Mobilitätsstationen — zentrale Orte, an denen E-Scooter, Leihräder und Carsharing gebündelt werden. Die Stadt plant bis zu 1.000 solcher Stationen (Quelle). Drei Typen sind vorgesehen:
- S-Stationen (alle 100-200 Meter): Zweiradsharing in der Innenstadt und Stadtteilzentren (Quelle)
- M-Stationen (alle 500 Meter): Carsharing und Zweiradsharing an ÖPNV-Haltepunkten im gesamten Stadtgebiet (Quelle)
- L-Stationen: Carsharing und Zweiradsharing an Außenästen des Schienenverkehrs (Quelle)
Für Höchst wurden bereits Standorte ausgewählt und verkehrsrechtlich angeordnet (Quelle). Im Frankfurter Süden gibt es erste Stationen am Bahnhof Niederrad, an der Stresemannallee, am Südbahnhof und am Lokalbahnhof (Quelle). Ein genauer Zeitplan für die stadtweite Umsetzung konnte der Magistrat allerdings noch nicht nennen (Quelle).
Unfälle und Sicherheit
E-Scooter sind in Frankfurt überproportional an Unfällen beteiligt. Im Jahr 2024 entfielen 7,6 Prozent aller Verletzten und 8,9 Prozent aller Schwerverletzten auf E-Scooter-Fahrer — obwohl die Roller nur einen Bruchteil des Verkehrs ausmachen (Quelle). Zum Vergleich: Im Mai 2025 wurden rund 31.300 Fahrten pro Tag mit Leih-E-Scootern gezählt, dem stehen über 500.000 tägliche Fahrradfahrten gegenüber. Trotz des 16-fachen Verkehrsaufkommens entfallen auf den Radverkehr nur 3,6 Prozent der Schwerverletzten (Quelle).
Der Magistrat benennt die Hauptursachen klar: Neben bauartbedingten Faktoren — hohe Geschwindigkeit bei kleinen Laufrädern und hohem Schwerpunkt — ist vor allem das Verhalten der Nutzer ausschlaggebend, insbesondere Fahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss (Quelle).
Am 6. Juli 2025 ereignete sich auf der Mainzer Landstraße ein tödlicher Unfall: Zwei 23-Jährige auf einem E-Scooter wurden von einem Autofahrer getötet, der laut Staatsanwaltschaft mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war und Lachgas konsumiert hatte (Quelle). Im Ortsbeirat 10 wurde nach einem weiteren tödlichen Unfall an der U-Bahn-Station Bonames-Mitte gefordert, gefährliche Stellen für Miet-Scooter zu sperren (Quelle).
Positionen
Magistrat setzt auf schrittweise Regulierung: Sondernutzungserlaubnisse, Parkzonen, halbjährliche Nachsteuerung. Er räumt ein, dem Kernproblem — Fahren unter Drogeneinfluss — kaum wirkungsvoll begegnen zu können und verweist auf die Zuständigkeit der Landespolizei (Quelle). Zielführend seien Kontrollen durch den Streifendienst sowie Schwerpunktkontrollen (Quelle). Das Straßenverkehrsamt prüfe, ob zu den Nachtstunden eine Häufung von Unfällen mit Alkohol als Ursache vorliege (Quelle).
Ortsbeiräte aus verschiedenen Stadtteilen haben dieselben Anträge wiederholt gestellt — ohne verbindliche Zusagen zu erhalten. Der Ortsbeirat 6 (Höchst) forderte bereits 2022 Abstellflächen — der Magistrat hielt das damals weder für notwendig noch für “planerisch leistbar”. Drei Jahre später muss man dem laut Ortsbeirat zumindest bei der Notwendigkeit widersprechen (Quelle). Aus dem Ortsbeirat 15 (Nieder-Eschbach) wird verlangt, dass der Bezahlvorgang für Nutzer weiterlaufen soll, solange sie den Roller nicht an einer Parkzone abstellen (Quelle).
Ortsbeirat 16 (Bergen-Enkheim) erlebte im Oktober 2025 eine Art Eskalation: Der neue Anbieter “Ride Movi” flutete den Stadtteil mit Leih-E-Scootern. Die Bürgersteige sind teilweise nur 80 Zentimeter breit und lassen ein Abstellen grundsätzlich nicht zu (Quelle). Der Ortsbeirat forderte den Magistrat auf, “unverzüglich” mit dem Anbieter Kontakt aufzunehmen und die “Überflutung” zu stoppen — auch mit Blick darauf, dass im Februar 2026 ein weiterer Anbieter in Frankfurt starten werde (Quelle).
Konflikte
Stadtweite Strategie vs. lokale Realität
Die Stadt plant 1.000 Mobilitätsstationen. Bisher existieren 150 Parkzonen — fast ausschließlich in der Innenstadt und im Süden. Die Ortsbeiräte in den Außenbezirken warten seit Jahren. Der Magistrat antwortet auf konkrete Forderungen nach Abstellflächen regelmäßig mit Verweisen auf die “Strategie”, ohne verbindliche Zeitpläne zu nennen. Das Muster ist aus den Dokumenten klar ablesbar: Ortsbeirat stellt Antrag → Magistrat verweist auf laufende Planung → Ortsbeirat stellt nächstes Jahr denselben Antrag erneut.
Das Beispiel Höchst zeigt den Zeitverlauf: 2022 hielt der Magistrat Maßnahmen für “weder notwendig noch planerisch leistbar” (Quelle). Vier Jahre und mehrere Anträge später stehen Roller immer noch auf dem Gehweg am Höchster Bahnhof.
Nachtfahrverbot — rechtlich möglich?
Nach den schweren Unfällen von 2025 brachte Mobilitätsdezernent Siefert ein nächtliches Verleihverbot nach dem Vorbild Oslos (23:00 bis 5:00 Uhr) ins Gespräch. Ein solches Verbot würde in Grundrechte der Anbieter (Art. 12 GG, Berufsfreiheit) und der Nutzer (Art. 2 GG, allgemeine Handlungsfreiheit) eingreifen (Quelle). Die damalige Antwort beschreibt eine laufende juristische Prüfung (Quelle); aus ihr folgt kein aktueller Abschlussstatus.
Neue Anbieter, wachsendes Chaos
Ein Antrag aus Bergen-Enkheim berichtete im Oktober 2025 vom Markteintritt von Ride Movi und bezeichnete die Situation wertend als „unsägliche Überflutung“ (Quelle). Das belegt die damalige politische Kritik, nicht die heutige Anbieterzahl oder einen stadtweit festgestellten Zustand.
Ausblick
Frankfurts E-Scooter-Politik steht an einem Kipppunkt. Die Regulierungsinstrumente existieren — Sondernutzungserlaubnisse, Parkzonen, Curbside Management — aber sie greifen bisher fast nur in der Innenstadt. In den Außenbezirken fehlen die Infrastruktur und die Durchsetzung.
Drei Entwicklungen werden das Thema 2026 prägen: Erstens der Ausbau der Mobilitätsstationen über die Innenstadt hinaus — ob der Plan von 1.000 Stationen Fahrt aufnimmt oder weiter im Planungsstadium verharrt. Zweitens das Ergebnis der juristischen Prüfung zum Nachtfahrverbot, die seit Herbst 2025 läuft. Drittens die Frage, wie die Stadt mit dem wachsenden Anbietermarkt umgeht, wenn jede neue Firma zusätzliche Roller in Stadtteile bringt, die noch nicht einmal Parkzonen haben.
Die Vielzahl der Vorlagen aus allen 16 Ortsbeiräten zeigt, wie prominent das Thema in der Frankfurter Lokalpolitik geworden ist — und wie groß die Lücke zwischen politischem Problembewusstsein und tatsächlicher Umsetzung vor Ort bleibt.