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Jobmotor Flughafen?

Vorlagentyp: ARÖMER
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Anfrage vom 17.12.2012, A 268

Betreff: Jobmotor Flughafen? Der Flughafen Frankfurt wird von zahlreichen Politikern und Luftfahrt-Managern als "Jobmotor" und "Herz der Region" bezeichnet. Alleine durch den Ausbau sollen nach deren Angaben mehr als 100.000 neue Arbeitsplätze entstehen: laut Stadtrat Frank (CDU) über 100.000 (2008), laut Minister Boddenberg (CDU) 42.000 (Sep. 2012), laut Abg. Wagner (CDU) 40.000 (06.03.2012), laut Fraport-Vorstand Schulte bis 29.000 (2012) und laut LH-Vorstand Franz "bis" (d.h. maximal, möglich sind auch weniger oder null) 14.000 (2012). Prognosen wurden jedoch nicht nur für den Ausbaufall erstellt, sondern auch für den "Nichtausbaufall". Für diesen Fall wurde von dem von der Fraport AG beauftragten Unternehmen für das Jahr 2011 eine Anzahl von 76.100 Beschäftigten prognostiziert, tatsächlich waren es (lauf Angaben der Fraport AG) trotz Ausbau ca. 71.000 - mithin über 5.000 weniger (obwohl die Anzahl der Flugbewegungen etwa zutreffend prognostiziert wurde). Ohne Ausbau wäre somit die Anzahl der Beschäftigten deutlich höher als mit Ausbau ! Der Ausbau mit den vorgeblich neu geschaffenen Arbeitsplätzen müsste auch in den Job-Angeboten der Fraport AG erkennbar werden. Die Fraport AG beschäftigt ca. 18.000 Arbeitnehmer in Frankfurt. Bei einer - angenommenen - mittleren Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter von 20 Jahren wären aufgrund des Ausscheidens der Mitarbeiter infolge Wechsel oder Erreichens der Altersgrenze rechnerisch pro Jahr etwa 900 Stellen wieder zu besetzen, pro Woche etwa 20. Das aktuelle Stellenangebot der Fraport AG zeigt jedoch über die letzten Monate konstant etwa 25 bis 30 "Stellenangebote", wobei es sich jedoch zu über 80 % um Praktikantenstellen und studentische Aushilfsjobs handelt. Die Anzahl der "echten" von der Fraport AG angebotenen Arbeitsplätze liegt bei 4 bis 5. Verfolgt man die Stellenangebote über mehrere Wochen, so stellt man nur einen geringen Wechsel fest. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die Fraport AG - auch unter Einbeziehung der Tochterunternehmen - bestenfalls die durch das Ausscheiden von Mitarbeitern oder durch einen firmeninternen Wechsel freiwerdenden Stellen ausschreibt, jedoch keine neuen Stellen schafft. Soweit jedoch tatsächlich neue Stellen entstehen, erfolgt dies für das Unternehmen - zumindest in bestimmten Bereichen - kostenneutral, d.h. der Gesamtpersonalaufwand ändert sich nicht - bzw. wird sogar geringer. Ein Beispiel hierfür ist dem Geschäftsbericht der Fraport AG von 2011 zu entnehmen. Dort wird aufgeführt, dass im Bereich "Ground Handling" die Anzahl der Mitarbeiter von 2010 auf 2011 um ca. 350 - entsprechend 3,9 % - zugenommen hat, die Personalkosten in diesem Segment jedoch im gleichen Zeitraum um 0,4 % abgenommen haben. Damit sind zwar tatsächlich neue Arbeitsplätze entstanden, die Bezahlung für die Mitarbeiter des genannten Bereichs - insgesamt ca. 8.900 - jedoch deutlich geringer. Dies ist zu sehen vor dem Hintergrund, dass der Personalaufwand je Mitarbeiter in der Luftfahrtbranche im Vergleich zu anderen Unternehmen gering ist (Fraport AG: € 44.000; Lufthansa AG: € 57.000; Logistik- und Speditionsbranche ca. € 30.000). Zum Vergleich hierzu: BASF: € 75.000; Deutsche Bank AG: € 124.000; Deutsche Börse AG: € 144.000. Hinzu kommen ungünstigere Arbeitsbedingungen in der Luftfahrtbranche , die sich z.B. in einer höheren Krankheitsquote zeigt. Diese beträgt bei der Fraport AG ca. 6,3 %, im Bereich "Verkehr und Transport" ca. 5,5% (2010) und im Bereich "Banken und Versicherungen" 3,3% (2010). In den Medien - z.B. FNP am 01.11.2012 - wurde über Stellenabbau bei der Lufthansa AG berichtet. Aufgrund der - aus verschiedenen Gründen - ungünstigen wirtschaftlichen Lage des Unternehmens plant der Vorstand, bis Jahresende 34 Flugzeuge weniger einzusetzen als geplant. Dies bedeutet etwa 2.000 Flugbegleiter und rund 500 Piloten weniger als geplant. Während Lufthansa behauptet, jedes neue Flugzeug bedeute 400 zusätzliche Arbeitsplätze, führt die Stilllegung eines Flugzeuges "nur" zum Verlust von ca. 75 Stellen (LH-Arithmetik !). Die Zahl der am Flughafen Beschäftigten betrug Anfang 2012 lt. Fraport ca. 71.000, Ende 2012 ca. 76.000. Der Fraport-Vorstand "errechnet" daraus einen Zuwachs von 5.000 Stellen. In einem englischsprachigen Bericht der Fraport AG wird die aktuelle Anzahl der am Flughafen Beschäftigten mit 75.800 angegeben, "including 4.800 staff at The Squaire, Gateway Gardens and Mönchhof site". Es scheint, als habe die Fraport AG die "Zunahme" an Arbeitsplätzen dadurch erzielt, dass nunmehr Arbeitsplätze eingerechnet wurden, die entweder in vorherigen Statistiken nicht berücksichtigt waren oder die nur innerhalb des Stadtgebietes an den Flughafen verlagert wurden (wie z.B. die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die ihre Frankfurter Niederlassung mit ca. 2.000 Mitarbeitern vom Merton-Viertel an den Flughafen verlegte). Die Fraport AG selbst beschäftigt selbst derzeit (2011, lt. Geschäftsbericht) 20.595 Mitarbeiter, 2006 waren es noch 28.246. Innerhalb von 5 Jahren hat sich die Fraport-Belegschaft um 7.651 bzw. 27 % reduziert ("Jobmotor Flughafen"). Das Rhein-Main-Gebiet hat etwa 5,5 Mio. Bewohner und bietet ca. 2,9 Mio. Arbeitsplatze. Auf den Flughafen entfallen hiervon maximal 75.000 oder 2,5 % (Quelle: IHK 2012). Der Flughafen selbst wird vom Vorstand der Fraport AG immer als "größte Arbeitsstätte Deutschlands" bezeichnet. Nach der Definition von Gablers Wirtschaftslexikon ist der Flughafen jedoch keine Arbeits- bzw. Betriebsstätte, da es mehr als 500 unterschiedliche Unternehmen verschiedener Branchen beinhaltet. Zutreffender wäre daher der Begriff "Industriegebiet" oder "Gewerbegebiet". Folgt man der Fraport-Definition jedoch, könnte man auch das Frankfurter Bankenviertel als Arbeitsstätte bezeichnen. Dieses beschäftigt mit mehr als 100.000 Mitarbeitern deutlich mehr als der Flughafen, zahlt deutlich mehr pro Mitarbeiter und entrichtet - sowohl insgesamt als pro Mitarbeiter - deutlich mehr Gewerbe- und Einkommensteuer als der Flughafen. Vor diesem Hintergrund fragen wir den Magistrat:

  1. Wie bewertet der Magistrat die Tatsache, dass die Fraport AG für das Jahr 2011 ohne Ausbau 76.100 Beschäftigte am Flughafen prognostizierte, mit Ausbau 2011 jedoch tatsächlich nur 71.000 beschäftigt waren ?
  2. Wie bewertet der Magistrat die Tatsache, dass die Fraport AG nur sehr wenige offene Stellen (meist 4 bis 5) anbietet und damit bestenfalls die aus Alters- oder anderen Gründen ausscheidenden Mitarbeiter ersetzen kann ?
  3. Liegt es nach Auffassung des Magistrats im Interesse der Stadt Frankfurt, wenn ein Unternehmen (Fraport) zwar neue Stellen schafft, diese jedoch kostenneutral finanziert, wobei die Kosten pro Mitarbeiter entsprechend reduziert werden mit der Folge, dass zum einen weniger Einkommensteuer gezahlt wird und mehr Transferleistungen für die Mitarbeiter gezahlt werden müssen ?
  4. Hält der Magistrat die am Flughafen vorhandenen Arbeitsplätze für zukunftsträchtig angesichts der - im Vergleich zu anderen Branchen - deutlich geringeren Bezahlung und deutlich höheren Krankheitsquote ?
  5. Wie bewertet der Magistrat den von der Lufthansa angekündigten Abbau von mehr als 1.000 Stellen am Standort Frankfurt ?
  6. Ist dem Magistrat bekannt, wie sich die von Fraport-Vorstand Schulte angegebene "Zunahme" von ca. 5.000 Stellen von Anfang bis Ende 2012 errechnet, d.h. ob es sich dabei nur um Verlagerungen oder um vorher nicht betrachtete Stellen handelt oder um echte neu geschaffene Stellen ?
  7. Betrachtet der Magistrat den Flughafen als "Jobmotor" angesichts der Tatsache, dass der Flughafenbetreiber Fraport innerhalb von 5 Jahren 7.651 Stellen (bzw. 27 %) abgebaut hat ?
  8. Betrachtet der Magistrat den Flughafen als "Jobmotor" angesichts der Tatsache, dass am Flughafen nur ca. 2,5 der im Rhein-Main-Gebiet vorhandenen Arbeitsplätze angesiedelt sind?
  9. Vertritt der Magistrat - wie der Fraport-Vorstand - die Auffassung, dass der Flughafen die "größte Arbeitsstätte" Deutschlands ist ?
  10. Hält der Magistrat auch weiterhin an seiner wiederholt geäußerten Prognose ("mehr als 100.000 neue Arbeitsplätze" fest ?

Quelle: Originaldokument in PARLIS ansehen

Verfahrensverlauf

Vom Antrag bis zur Antwort — jeder Schritt anklickbar.

  1. 17. Dezember 2012Sie sind hier
    AA 268Jobmotor Flughafen?
    STVV-Anfrage · RÖMER
  2. 15. März 2013Antwort des Magistrats · nach 13 WochenBB 144Jobmotor Flughafen?Magistratsbericht

Wie wir den Verfahrensweg aus den PARLIS-Daten rekonstruieren:im Blog erklärt.

Was bedeutet diese Vorlage?

AAnfrage in der Stadtverordnetenversammlung

Eine schriftliche Frage von Stadtverordneten oder Fraktionen an den Magistrat. Die Antwort erfolgt schriftlich innerhalb von drei Monaten und fließt in spätere Beratungen ein.

  1. 1Stadtverordnete stellen Anfrage
  2. 2Magistrat antwortet schriftlich
  3. 3Antwort fließt in Beratungen ein

Frist: 3 Monate

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