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Bericht des Magistrats vom 15.07.2013, B 363
Betreff:
a) Kinder- und Jugendtheater qualitativ ausbauen b) Ein kommunales Kinder- und Jugendtheater als Haus der Kinder Vorgang: l. Beschl. d. Stv.-V. vom 06.06.2013, § 3180 - NR 140/11 CDU und GRÜNE, A 274/12 SPD, l. B 447/12 - In Vorbereitung einer zu erstellenden Konzeption für Kinder- und Jugendtheater in Frankfurt am Main hat der Magistrat, als Ergänzung zur im Mai 2012 im Haus am Dom stattgefundenen Anhörung, schriftliche Stellungnahmen verschiedener Institutionen eingeholt. Um eine Einschätzung geben zu können, welches Modell für Kinder- und Jugendtheater in Frankfurt am Main sinnvoll und tragbar ist, wurden Vertreter der drei Möglichkeiten (siehe B 447 vom 28.09.2012) um ihre Beurteilung gebeten. Für eine eigenständige Sparte am Schauspiel Frankfurt spricht sich Intendant Oliver Reese aus. Reese hält "perspektivisch ein professionelles und anspruchsvolles Theaterangebot für Kinder und Jugendliche für unabdingbar. Und Frankfurt hat hier durchaus Nachholbedarf." Er stehe bereit, "ein städtisches Kinder- und Jugendtheater als künstlerisch eigenständige Sparte am Schauspiel Frankfurt aufzubauen". Dazu müssten folgende Rahmenbedingungen erfüllt werden: Es brauche einen eigenständig agierenden Künstlerischen Leiter, der evtl. auch als Hausregisseur fungiert und ein eigenes Team, also einen Dramaturgen/Theaterpädagogen sowie Regieassistenten. Ein festes Ensemble von sechs bis acht Schauspielern müsste verpflichtet werden. Notwendig sei eine eigene selbstständige Spielstätte an geeigneter Stelle in Frankfurt, für etwa 250-300 Zuschauer als "markante Anlaufstelle, die sich deutlich von den Spielorten des Schauspiel Frankfurt unterscheidet". Gerechnet werden könne mit etwa acht Premieren pro Spielzeit, ergänzt durch Aufführungen des Jugendclubs des Schauspiel Frankfurt. Mit diesen Aufführungen sollen die Inszenierungen für junges Publikum mit theaterpädagogischer Arbeit bereichert werden. Brigitte Dethier, Intendantin des Jungen Ensemble Stuttgart, für Kinder- und Jugendtheater zuständiges Mitglieder der Frankfurter Perspektivkommission zur Evaluierung der Freien Theaterszene, argumentiert für ein eigenständiges Kinder- und Jugendtheater. Sie hebt die Vorteile eines solchen Modelles anhand einer vergleichenden Beschreibung ihres Theaters hervor: Bei gleichem Produktionsvolumen und gleichem Personal, sei ihrer Einschätzung und Erfahrung nach, eine Umsetzung am Stadttheater teuer im Vergleich zu einer eigenständigen Lösung, v.a. wegen Tarifbindungen und Verträgen (Ruhezeiten, etc.). "Das Modell einer Sparte am Stadttheater kann nicht billiger sein, wenn das Kinder- und Jugendtheater gleichbehandelt wird wie der Rest des Hauses; wenn es nicht gleichbehandelt wird, können sich Unverständnis und Demotivation bei den Mitarbeitern entwickeln und diese schlagen sich in der Qualität nieder.", so Dethier, die bereits sowohl in freien Modellen als auch als Leiterin einer angebundenen Kinder- und Jugendtheatersparte tätig war. Dieser Aspekt wurde auch mehrfach in der vom Magistrat veranstalteten Anhörung im Mai 2012 von allen beteiligten Experten betont: Ein als Sparte angegliedertes Kinder- und Jugendtheater müsse genau die gleiche finanzielle Ausstattung haben, wie ein vergleichbares Erwachsenentheater. Das Junge Ensemble Stuttgart (JES) wird nach dem Kommunaltheaterschlüssel Baden-Württembergs gefördert: 60 % von der Stadt, 30% vom Land, 10 % sind Eigeneinnahmen (Tickets, Theaterpädagogik, Drittmittel); es ist aber kein kommunales Theater, sondern wird von einem Verein getragen, in dessen Gremien die Politik vertreten ist. Der Betriebsetat liegt bei knapp 2 Millionen Euro; 650.000 Euro Miete und Mietnebenkosten werden von der Stadt direkt einbehalten. Es sind 21 feste Mitarbeiter beschäftigt; dazu kommen im Jahr ca. 50 Freie Mitarbeiter. Die 21 Stellen teilen sich auf folgende Bereiche auf: 1 Leitung, 1 Dramaturg, 1 Verwaltungsleiter, 1 Künstlerisches Betriebsbüro und Öffentlichkeitsarbeit, 2 organisatorische Mitarbeiter (für Kasse, Vorverkauf etc.), 4 Theaterpädagogen (+1 aus Drittmitteln), 4 Technik, 1,5 in der Ausstattung (umfasst Requisite, Maske, Garderobe), 3,5 Schauspieler im festen Ensemble. Dazu kommen zahlreiche Aushilfen im Bereich Ausstattung und Technik, viele Praktikanten, ein FSJ-Kultur-Platz sowie Halbjahrespraktikanten. Gäste werden in allen Bereichen eingekauft: Schauspiel, Regie, Bühnenbild und Kostüme (immer als gemeinsamer Posten aus Kostengründen), Choreographie, Komposition, Musik. Das JES verfügt über keine Werkstätten; es muss alles auswärts gebaut werden, deutschlandweit in Schreinereien, Schlossereien, etc. die teils auch andere Theater bedienen. Vier bis sechs neue Produktionen werden pro Spielzeit realisiert und diese können die enorme Nachfrage nicht decken. Viele der Inszenierungen arbeiten mit Musik und Tanz. Das JES verfügt über ein Gebäude mit mehreren flexiblen Bühnen und Proberäumen. Neben dem "normalen" Theaterbetrieb laufen viele Sonderprojekte, z.B. zum Theater in der Ganztagesgrundschule oder im Rahmen der Sprachförderung (Bundesprojekt) mit Kindertageseinrichtungen: 31 Kindertagesstätten gehen viermal pro Jahr ins JES; jeder Besuch wird achtmal vor- und achtmal nachbereitet. Es gibt mehrere Spielclubs (momentan sechs Stück) sowie zusätzliche Workshops und Fortbildungen, z.B. für Lehrerinnen und Lehrer. Alle zwei Jahre veranstaltet das JES mit "Schöne Aussicht" ein internationales Festival, verbunden mit den Theatertagen der Baden-Württembergischen Kinder- und Jugendtheater. Brigitte Dethier schätzt die Frankfurter Situation hinsichtlich der Quantität des Kinder- und Jugendtheaterangebotes kritisch ein. Sie beruft sich dabei auf ihre Recherchen im Rahmen Ihrer Tätigkeit für die Perspektivkommission. "Frankfurt hat eine quantitativ überschaubare Kindertheaterszene, an deren Spitze qualitativ das Theaterhaus Ensemble und das TheaterGrueneSosse stehen. Für eine wachsende Großstadt wie Frankfurt mit einem so großen Einzugsgebiet wie die Mainmetropole es verzeichnen kann, liegt das Angebot im Kinder- und Jugendtheaterbereich weit hinter der Nachfrage." Kinder- und Jugendtheater vereint sowohl Theaterarbeit für als auch mit jungen Menschen und leistet als besondere, alle Sinne ansprechende Kunstform einen maßgeblichen Beitrag zur ganzheitlichen Kulturellen Bildung. "Diese Bedeutung kann gar nicht stark genug beachtet werden", so Dethier. Sie argumentiert für eine "Stärkung auf diesem Felde. Insbesondere im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten, und auch im internationalen Vergleich, sollte Frankfurt noch mehr tun. Ich empfehle daher nachdrücklich, die Etablierung eines eigenständigen Kinder- und Jugendtheaters zu prüfen. Dabei sind die momentan vorhandenen Potentiale unbedingt mit einzubeziehen." Frau Dethier bietet sich für weiterführende Diskussionen als Gesprächspartnerin an und ist gerne bereit, dem Kulturausschuss das Junge Ensemble Stuttgart als beispielhaftes Modell für ein eigenständiges Kinder- und Jugendtheater und als Grundlage für mögliche zukünftige Konzeptentwicklungen zu präsentieren und vor Ort im Rahmen einer Führung inklusive Aufführung vertiefte Einblicke in die Strukturen ihres Hauses zu gewähren. Als dritte Position zur Verbesserung der Frankfurter Kinder- und Jugendtheater-Situation haben Frankfurter Akteure der Szene Stellung genommen: Susanne Freiling, Theaterhaus Ensemble, Detlef Köhler, TheaterGrueneSosse, Dr. Gerd Taube, Kinder- und Jugendtheaterzentrum und Gordon Vajen, Theaterhaus, sprechen sich ähnlich wie Brigitte Dethier für ein eigenständiges Modell aus. Wichtig sei dabei für sie die künstlerische, personelle, finanzielle und räumliche Unabhängigkeit und die enge Vernetzung mit vorhandenen Strukturen, Kooperationen und Organisationen. Ein eigenes kleines Ensemble, mit vier Schauspielern sowie zwei Darstellern zusätzlich für Figurentheater, soll durch Gäste produktionsbedingt ergänzt werden. Zehn Neuproduktionen pro Jahr sollen in 350 Vorstellungen ca. 40.000 Besucher erreichen. Innerhalb des darstellerischen Betriebes soll das Figurentheater als Gattung eine feste Stellung erhalten. Zum künstlerischen Austausch beitragen könnten Gastspieleinladungen externer Ensembles sowie eine gleichzeitige eigene Tournee-Tätigkeit. Zusammenarbeit mit den Frankfurter Schulen sei ein selbstverständliches Muss, ebenso die gleichzeitige und gegenseitige produktive Verzahnung des Theaters für junges Publikum und des Theaters mit Kindern und Jugendlichen. Zentrale Erreichbarkeit ist maßgeblicher Faktor für die Akzeptanz des Publikums, es müsse daher für das neue Kinder- und Jugendtheater ein Gebäudekomplex an passender Stelle genutzt, erschlossen oder gebaut werden. Um der Nachfrage gerecht zu werden und um geeignet künstlerisch zu arbeiten, müsse das Haus über eine große flexible und multifunktionale Bühne mit bis zu 300 Zuschauerplätzen sowie eine kleine Studiobühne verfügen. Ebenso sind ausreichende Lager- und Proberäume sowie Werkstätten einzuplanen. Vorgeschlagen wird eine räumliche Nähe zu Einrichtungen und Organisationen des Kinder- und Jugendtheaters, die ihren Sitz in Frankfurt am Main haben, z.B. die ASSITEJ Deutschland (internationale Vereinigung für das Kinder und Jugendtheater) und das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland. Enge Kooperationen mit den Hochschulen und die Nachwuchsförderung für das Kinder- und Jugendtheater werden als grundlegende Programme mit betrachtet. Dazu sollen Praktikantenstellen, Ausbildungsplätze, sowie das Angebot des Freiwilligen Sozialen Jahrs Kultur kommen. Als Organisationsform wird eine gemeinnützige GmbH vorgeschlagen, das Personal entspricht dem für ein eigenständiges Theater notwendigen Organigramm. Dazu zählen nach Vorschlag ca. 31 Beschäftigte (teilweise Teilzeitstellen). Insbesondere brauche das Theater neben Intendanz, Verwaltungsstab, Künstlerischem Betriebsbüro, Dramaturgie, Öffentlichkeitsarbeit und Projektmanagement eine ausreichend große theaterpädagogische Abteilung mit vier Theaterpädagogen. Im Bereich Technik, Ausstattung und Werkstätten sind ebenso eigene Stellen eingeplant. Die Betriebskosten werden - im Vergleich zu ähnlichen Modellen in Deutschland - auf 2-3 Millionen pro Jahr geschätzt. Bei der Finanzierung sollen neben der Stadt als Hauptträger unbedingt das Land und weitere Drittmittelgeber verpflichtet werden. Vajen und die Mitunterzeichner des Konzeptvorschlages schlagen bis zur Realisierung eines eigenständigen Kinder- und Jugendtheaters die schrittweise Stärkung der bestehenden Strukturen vor. Dies gelte insbesondere für die Bereitstellung von Proberäumen, der Instandhaltung der technischen Einrichtungen, die Verbesserung der Situation für die Ensembles und die Erweiterung der Theaterpädagogik. Ebenso sprechen sich die vier Vertreter der Szene für eine Trägerschaft eines neuen Kinder- und Jugendtheaters durch die Theaterhaus Frankfurt gGmbH aus, um vorhandenen Kompetenzen mit entsprechenden Rahmenbedingungen effizient nutzen zu können. Ungeachtet der momentanen Haushaltslage schließt sich der Magistrat inhaltlich grundsätzlich den Überlegungen aller drei genannten Positionen an. Die Stadt Frankfurt am Main müsste, um ihrem Auftrag und Ruf als internationale Kulturstadt, die auch Kinder, Jugendliche und Familien im Blick hat, gerecht zu werden, sich noch deutlich stärker im Kinder- und Jugendtheaterbereich engagieren. Es fehlt ein der Nachfrage und der Stadtsituation adäquates großes, interdisziplinäres Kinder- und Jugendtheater. Die bereits vorhandenen Strukturen bieten Entfaltungs- und Entwicklungspotentiale, welche genutzt werden könnten. So sind z.B. diejenigen Kinder- und Jugendtheater in Frankfurt zum Teil, die in ästhetisch-künstlerischer als auch in theaterpädagogischer Hinsicht überzeugen, stark ausgelastet und können die Nachfrage aufgrund fehlender Ressourcen (Personal, Finanzmittel und Räumlichkeiten) nicht decken, geschweige denn ihr Angebot ansatzweise ausreichend ausbauen. Eine weiterführende Konzeptentwicklung kann nur dann zielorientiert gestaltet werden, wenn diesbezüglich erforderliche grundlegende Haushaltsentscheidungen in absehbarer Zeit auch in Aussicht stehen. Ohne entsprechende in Aussicht gestellte zusätzliche Haushaltsmittel ist eine gegenüber den mit diesem Bericht vorgestellten grundsätzlichen Handlungsalternativen konkretere Planung möglicher Modelle hinsichtlich dann zu prüfender Vor- und Nachteile und weiterer Optionen nicht sinnvoll. Bei allen drei vorgestellten Handlungsalternativen gilt, dass eine substantielle Verbesserung der Frankfurter Kinder- und Jugendtheaterlandschaft zusätzlich verstetigte Finanzmittel von mindestens 2 Mio. € p.a. erfordern würde, mit kleineren Teilbeträgen hiervon ließen sich die gegenwärtig bereits vorhandenen Strukturen sukzessive verbessern. Die hier dargestellten Vorschläge wurden in Einzelheiten bereits in der Anhörung im Mai 2012 antizipiert diskutiert und auch während der Podiumsdiskussion wurden Aspekte der Unabhängigkeit und der ausreichenden finanziellen, personellen und räumlichen Ausstattung hervorgehoben. Es gilt, die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um hoch qualitatives Kinder- und Jugendtheater in angemessener Quantität zu ermöglichen.
Quelle: Originaldokument in PARLIS ansehen
Verfahrensverlauf
Vom Antrag bis zur Antwort — jeder Schritt anklickbar.
- 15. November 2011NRNR 140Kinder- und Jugendtheater qualitativ ausbauenSTVV-Antrag · CDU, GRÜNE
- 9. März 2012BB 130Kinder- und Jugendtheater qualitativ ausbauenMagistratsbericht
- 28. September 2012BB 447Kinder- und Jugendtheater qualitativ ausbauenMagistratsbericht
- 12. Dezember 2012AA 274Ein kommunales Kinder- und Jugendtheater als Haus der KinderSTVV-Anfrage · SPD
- 15. Juli 2013Sie sind hierAntwort des Magistrats · nach 87 WochenBB 363a) Kinder- und Jugendtheater qualitativ ausbauen b) Ein kommunales Kinder- und Jugendtheater als Haus der KinderMagistratsbericht
Wie wir den Verfahrensweg aus den PARLIS-Daten rekonstruieren:im Blog erklärt.
Was bedeutet diese Vorlage?
Ein Informationsbericht des Magistrats an die Stadtverordnetenversammlung — etwa als Antwort auf eine Anregung oder als Zwischenbericht. Die Stadtverordnetenversammlung nimmt ihn zur Kenntnis, weist ihn zurück oder fordert einen Folgebericht. Es ist keine Sachentscheidung.
- 1Magistrat legt Bericht vor
- 2Stadtverordnetenversammlung nimmt zur Kenntnis
Beratungsverlauf5 Beratungen
Stimmen beziehen sich auf den jeweiligen Beschluss.
Stimmen beziehen sich auf den jeweiligen Beschluss.
Abstimmung im Original
Abstimmung: CDU, GRÜNE, SPD und LINKE.
Stimmen beziehen sich auf den jeweiligen Beschluss.
Abstimmung im Original
Abstimmung: CDU, GRÜNE, SPD, FDP, FREIE WÄHLER, Piraten und RÖMER
Stimmen beziehen sich auf den jeweiligen Beschluss.
Abstimmung im Original
Abstimmung: CDU, GRÜNE, SPD, LINKE. und RÖMER Sonstige Voten/Protokollerklärung: FDP, FREIE WÄHLER und Piraten (= Kenntnis)
Stimmen beziehen sich auf den jeweiligen Beschluss.
Abstimmung im Original
Abstimmung: CDU, GRÜNE, SPD, LINKE., FDP und FREIE WÄHLER Sonstige Voten/Protokollerklärung: Piraten und RÖMER (= Kenntnis)