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Analphabetismus in Frankfurt

Vorlagentyp: B
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Thema Schulen und Bildung verfolgen

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Bericht des Magistrats vom 16.04.2012, B 153

Betreff: Analphabetismus in Frankfurt Vorgang: A 98/12 CDU und GRÜNE Zu

  1. Schätzungsweise 68.000 erwerbsfähige Einwohnerinnen und Einwohner Frankfurts sind von funktionalem Analphabetismus betroffen. Dieses Ergebnis kommt zustande, wenn die von der Level-One-Studie ermittelten, als repräsentativ geltenden Zahlen auf die erwerbsfähige Bevölkerung in Frankfurt am Main übertragen werden. Bei den funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten handelt es sich sowohl um Personen mit Deutsch als Muttersprache als auch um Personen mit Deutsch als Zweitsprache. Von den bundesweit 14,5 % der von funktionalem Analphabetismus betroffenen deutschen Bürgerinnen und Bürger sprechen 4,4 Millionen Deutsch als Erstsprache und 3,1 Millionen als Zweitsprache. Auf Basis der Zahlen der Level-One-Studie sowie der Bevölkerungsstatistik kann davon ausgegangen werden, dass circa 41.000 erwerbsfähige Frankfurterinnen und Frankfurter mit Deutsch als Erstsprache und 27.000 Erwerbsfähige mit Deutsch als Zweitsprache funktionale Analphabetinnen/Analphabeten sind. 66,6 % der in Frankfurt am Main arbeitenden Personen sind tägliche Pendlerinnen und Pendler, die außerhalb Frankfurts wohnen. Daher liegt die Zahl der funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten vermutlich noch deutlich höher. Zu
  2. Die folgenden in Frankfurt am Main angebotenen Maßnahmen zur Alphabetisierung richten sich nach Kenntnisstand des Magistrats vorwiegend an Migrantinnen und Migranten: Der Angebotsbereich der Sprach- und Orientierungskurse für Zugewanderte (Integrationskurse gefördert durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge): Für Alt- und Neuzuwanderinnen und -zuwanderer werden im Rahmen des Integrationskursprogramms des Bundes in Frankfurt Alphabetisierungskurse mit 900 Unterrichtsstunden (plus 300 Wiederholungsstunden) angeboten, und zwar von verschiedenen privaten und öffentlichen Integrationskursträgern (ASB-Lehrerkooperative, AWO, Evangelischer Regionalverband/internationale Stadtteilarbeit am Bügel, InBIT, Infrau, Lahor, Lernportal, Volkshochschule). Das Amt für multikulturelle Angelegenheiten finanziert im Rahmen seines Programms "Mama lernt Deutsch" Alphabetisierungskurse für Mütter. Die Kurse finden in Kindertageseinrichtungen oder Schulen statt und werden derzeit von zwei Trägern (ASB-Lehrerkooperative und Volkshochschule angeboten). Frei zugängliche und ausgeschriebene Kurse für zugewanderte Erwachsene nicht-deutscher Muttersprache: für solche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die keinen Anspruch oder keine Eignung für den Besuch eines Integrationskurses erhalten, bietet die Volkshochschule Alphabetisierungskurse an. Überwiegend ehrenamtlich durchgeführter Einzelunterricht/Einzelbetreuung im Rahmen einiger kirchlich getragenen Initiativen sowie von Migrantenvereinen. Frei zugängliche und ausgeschriebene Kurse für Erwachsene mit deutscher Muttersprache: ein differenziertes Spektrum an Kursen für diese Gruppe wird fast ausschließlich von der Volkshochschule angeboten. In Projekten, die neue und zielgruppengerechte Angebotsformen erproben und durchführen: Projekte der Volkshochschule wenden sich z.B. an Schülerinnen und Schüler und Jugendliche am Übergang Schule - Beruf, deren schriftsprachliche Kompetenzen instabil ausgebildet sind und die als Risikogruppe für die Entstehung von funktionalem Analphabetismus angesehen werden. Zudem kann für den Bereich der sozialpädagogischen Förderung in beruflichen Schulen im Schuljahr 2011/2012 z.B. der Baustein "Lese- und Schreibwerkstatt: einfach besser lesen und schreiben" genannt werden. Zu
  3. Nach Erachten des Magistrats gibt es bisher keine Bestandsaufnahme der Teilnehmenden, die in Frankfurt am Main insgesamt Alphabetisierungskurse wahrnehmen. Den weitaus größten Teil der Angebote bilden die Integrationskurse mit Alphabetisierung. Folgende Zahlen können für die Neuzugänge in Alphabetisierungskursen der Integrationskursträger in Frankfurt am Main für den Zeitraum 2005 bis 2010 genannt werden: Abbildung 1: Jahr Anzahl der Neuzugänge 2005 49 2006 76 2007 151 2008 305 2009 332 2010 232 -------------------------- Insgesamt 1.145 Daten zur Gesamt-Teilnehmenden-Zahl werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht veröffentlicht. Angebote für deutschsprachige funktionale Analphabetinnen und Analphabeten, die in der Level-One-Studie erhoben werden, werden in Frankfurt am Main von der Volkshochschule bereitgestellt. Seit Mitte der 1980er Jahre führt die Volkshochschule Frankfurt am Main im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung Kurse durch. Dazu gehören Kurse zum Nachholen des Haupt- und Realschulabschlusses ebenso wie Alphabetisierung und Grundbildung für Personen mit Deutsch als Muttersprache und Personen anderer Muttersprachen. Auf Seiten der Volkshochschule Frankfurt am Main war in den Jahren 2008 bis 2011 folgende Entwicklung bei den Kursbelegungen in den Kursen für Migrantinnen und Migranten sowie für funktionale Analphabetinnen und Analphabeten mit Deutsch als Muttersprache zu verzeichnen. Abbildung 2: Kursbelegungen Jahr 2008 2009 2010 2011 Alpha-DaZ / Integrations- Kurse mit Alphabetisierung / Mama lernt Deutsch 618 434 598 659 Alphabetisierung für Personen mit Deutsch als Muttersprache. Menschen mit besonderen Lernvoraussetzungen und Prävention 129 129 233 258 Gesamt 747 563 831 917 Die Anzahl der Teilnehmenden mit Deutsch als Muttersprache ist - wie die Tabelle zeigt - ab dem Jahr 2010 deutlich gestiegen. Zu
  4. Abbildung 1 zeigt, dass die Nachfrage bei den Neuzugängen im Jahr 2010 leicht rückläufig war. Allerdings ist davon auszugehen, dass es unter Alt- und auch Neuzuwanderinnen und -zuwandern eine größere Anzahl verborgener (funktionaler) Analphabetinnen und Analphabeten gibt. Insgesamt ist die Nachfrage nach Angeboten zur Alphabetisierung von verschiedenen Faktoren abhängig. Die Anzahl von circa 68.000 funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten zeigt den hohen Bedarf an entsprechenden Lernangeboten sowohl für Personen mit Deutsch als Muttersprache als auch für Personen mit anderen Muttersprachen. Insbesondere bedarf es einer Ent-Stigmatisierung und Ent-Tabuisierung der Problematik. Nachlernkurse müssen bekannt und öffentlicher gemacht werden, Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in Behörden, Betrieben und Bildungs- und Betreuungseinrichtungen müssen informiert sein und Wege der sensiblen Ansprache von Betroffenen kennen. Während bei Sprachstandfeststellungen und Spracheinstufungen von Deutsch lernenden Migrantinnen und Migranten eventueller Alphabetisierungsbedarf durch den Test festgestellt werden, finden viele deutschsprachige funktionale Analphabetinnen und Analphabeten den Weg in ein Lernangebot lediglich über die Vermittlungstätigkeit einer persönlichen Vertrauensperson oder über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommunaler Beratungs-, Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. U.a. deutschsprachige Erwachsene mit unzureichenden schriftsprachlichen Kenntnissen entwickeln Strategien der Alltagsbewältigung, die dieses Defizit verbergen. Im Umgang mit Betroffenen wird das Thema häufig tabuisiert und als schambesetzt erlebt. Die Steigerung der Nachfrage entwickelt sich deshalb in Abhängigkeit zu gezielten Strategien, die - gestützt durch Netzwerke und informierte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren - die Betroffenen in ihrem Alltag und der Arbeitswelt erreichen und sie über persönliche und vertrauensvolle Kontakte motivieren können. Für eine Weiterentwicklung und Differenzierung der Lernangebote müssen deshalb flankierende Maßnahmen wie Beratung und Netzwerkkoordination berücksichtigt werden. Zu
  5. Die Volkshochschule Frankfurt am Main war an zwei Projekten im Förderschwerpunkt "Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" des BMBF 2007 bis 2011 beteiligt: EQUALS ("Erhöhung von Effizienz und Qualität in der Alphabetisierung durch Lebensweltforschung und Entwicklung sozialintegrativer Alphabetisierungsangebote") und Alphamar: "Alphamar" ist - in Kooperation der Philipps-Universität Marburg mit der Volkshochschule Frankfurt am Main - entwickeltes Lehrmaterial zur Alphabetisierung, auf neuestem wissenschaftlichen Stand und methodisch-didaktisch hervorragend. Es wurde in Kursen der Volkshochschule erprobt. Die erstellten Lehr- und Lernmaterialien liegen seit Dezember 2011 als Lehrwerk bei Langenscheidt vor. Die Zielgruppe des Projektes bildeten Erwachsene Einwanderinnen und Einwanderer mit Deutsch als Zweitsprache, die keine (oder nur sehr kurz eine) Schule besucht haben sowie Personen, die in einer anderen Schrift alphabetisiert wurden (Zweitschriftlernerinnen und Zweitschriftlerner). 2009 bis 2011 war die Volkshochschule Frankfurt am Main Modellstandort des Projekts EQUALS. Zielgruppe des Projektes waren deutschsprachige funktionale Analphabetinnen und Analphabeten. Das Problem "Funktionaler Analphabetismus" von Deutschsprachigen wurde durch die Aufklärungs- und Netzwerkarbeit von EQUALS sichtbarer gemacht. Es entstanden das Alpha-Bündnis Frankfurt sowie nachhaltige Netzwerkstrukturen, wie die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Frankfurt, der Stadtbücherei und verschiedenen Stadtteilzentren (IFZ Ostend, NBZ Ginnheim u.a.) sowie neue Kursangebote an neuen Lernorten. 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters Frankfurt, vorwiegend Persönliche Ansprechpartnerinnen/Ansprechpartner und Teamleitungen, wurden in halbtägigen Schulungsveranstaltungen zum Thema "Funktionaler Analphabetismus in der Beratungspraxis" geschult: woran erkenne ich funktionale Analphabetinnen und Analphabeten und wie spreche ich Betroffene sensibel an? Die Fortbildungen wurden vom Jobcenter evaluiert und der Nutzen für den Arbeitsalltag wurde als sehr hoch eingestuft. Die Arbeit des Projekts EQUALS hat ein Modell dafür vorgelegt, wie durch Aufbau und Pflege eines Netzwerks für sehr unterschiedliche Akteurinnen und Akteure die Ansprache und der Zugang von Betroffenen verbessert werden kann. Auf diese Weise können sehr unterschiedliche Perspektiven auf ihre Lebenswirklichkeit und (Lern-)Bedürfnisse zusammengeführt werden und in die Planung von Maßnahmen münden. Außerdem können Strukturen abgestimmt werden, die die Betroffenen auch nach dem Ende eines Kurses bei der Integration der Lernergebnisse in Alltag und Arbeitswelt unterstützen. Die Wirkung der fachlichen Beratung von Einrichtungen und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren auf die Verbesserung der Bildungsteilnahme Betroffener konnte durch EQUALS belegt wreden. Zu
  6. Gemessen an der - durch die aktuelle Studie neu begründete - Anzahl an Betroffenen können die Angebote für deutschsprachige funktionale Analphabetinnen und Analphabeten bei weitem nicht als ausreichend angesehen werden. Bisher werden schätzungsweise noch nicht einmal 1 % der von funktionalem Analphabetismus Betroffenen durch Lernangebote erreicht. Durch eine Erweiterung der Angebote - ohne die gleichzeitige Anwendung systematischer Strategien zur Ansprache, Motivation und Begleitung von Betroffenen in Alltag und Arbeitswelt - ist jedoch kaum ein Effekt zur Weiterbildungsteilnahme im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung zu erwarten. Ein Handlungskonzept hat die Volkshochschule Frankfurt mit ihrem Konzept "Alpha-Zentrum" vorgeschlagen, zu dem neben dem Ausbau von Kursen und Lernwerkstätten auch die Koordination von Netzwerken zur "sozialintegrativen Alphabetisierung", spezifische Beratungsansätze sowie Modelle zur Information und Schulung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren gehören. Auch im Bereich der schulischen Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger sieht der Magistrat Defizite bezüglich angemessener Angebote für Kinder, die nicht alphabetisiert sind und entsprechend keine Schulerfahrung haben. Die vom Staatlichen Schulamt eingerichteten Förderkurse und Förderklassen können dieser Gruppe nicht gerecht werden. Eine besondere Problemgruppe unter den Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern sind die über 16-jährigen Analphabeten (überwiegend männlich). Diese Gruppe ist zahlenmäßig nicht groß (14-18 Jugendliche pro Jahr, v.a. aus Afghanistan, Pakistan und verschiedenen afrikanischen Ländern), jedoch umso problematischer in Bezug auf Sozialverhalten und das Heranführen an Schule und Lernstoff. Spezielle Angebote für diese Jugendlichen gibt es nicht, eine Finanzierung solcher Kurse ist derzeit nur für unbegleitete Flüchtlinge gesichert, nicht für Jugendliche mit Angehörigen. Die bestehende Lücke (Angebote und Finanzierung) muss unbedingt geschlossen werden. Der Magistrat sieht die Notwendigkeit für die Einrichtung eines passgenauen Angebots inklusive Alphabetisierung über mindestens 2 Schuljahre für 16 - 18 jährige Analphabetinnen und Analphabeten, das
    • a)an einer der Schule zur Heranführung der Betroffenen ans System und
    • b)mit sozialpädagogischen Begleitung umgesetzt werden sollte Der Magistrat wird sich mit den zuständigen Landesbehörden um Lösungen bemühen.

Quelle: Originaldokument in PARLIS ansehen

Verfahrensverlauf

Vom Antrag bis zur Antwort — jeder Schritt anklickbar.

  1. 19. Januar 2012AA 98Analphabetismus in FrankfurtSTVV-Anfrage · CDU, GRÜNE
  2. 16. April 2012Sie sind hierAntwort des Magistrats · nach 13 Wochen
    BB 153Analphabetismus in Frankfurt
    Magistratsbericht

Wie wir den Verfahrensweg aus den PARLIS-Daten rekonstruieren:im Blog erklärt.

Was bedeutet diese Vorlage?

BBericht des Magistrats

Ein Informationsbericht des Magistrats an die Stadtverordnetenversammlung — etwa als Antwort auf eine Anregung oder als Zwischenbericht. Die Stadtverordnetenversammlung nimmt ihn zur Kenntnis, weist ihn zurück oder fordert einen Folgebericht. Es ist keine Sachentscheidung.

  1. 1Magistrat legt Bericht vor
  2. 2Stadtverordnetenversammlung nimmt zur Kenntnis
Wie Frankfurter Lokalpolitik funktioniert
Beratungsverlauf1 Beratung
Ausschusses für Bildung und Integration
Sitzung 10 · 21.05.2012
TO I, TOP 62
Zur Kenntnis
nicht auf TO Die Vorlage B 153 dient zur Kenntnis. (Ermächtigung gemäß § 12 GOS)

Stimmen beziehen sich auf den jeweiligen Beschluss.

Zustimmung:
CDUGrüneSPDLinkeFDPPiraten
Sonstige:
Freie Wähler (Kenntnis)Stv. Ochs (Kenntnis)
Abstimmung im Original

Abstimmung: CDU, GRÜNE, SPD, LINKE., FDP und Piraten Sonstige Voten/Protokollerklärung: FREIE WÄHLER und Stv. Ochs (= Kenntnis)

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