Bewertung der Risikolage für Hochwasserereignisse im Nordend und Übersicht zu Präventivmaßnahmen
Zusammenfassung
Die Stellungnahme des Magistrats befasst sich mit der Risikolage für Hochwasserereignisse im Nordend und den Präventivmaßnahmen zur Starkregenvorsorge. Es wird betont, dass die Stadt Frankfurt am Main seit über 10 Jahren aktiv an der Verbesserung der Starkregenvorsorge arbeitet, um die Bürger*innen vor Überflutungen zu schützen und die Infrastruktur zu entlasten.
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Thema Stadtplanung verfolgenStellungnahme des Magistrats
Die Starkregenvorsorge ist eine kommunale Gemeinschaftsaufgabe der Grundstückseigentümer*innen im Rahmen der Eigenvorsorge und der Stadt im Rahmen der Daseinsvorsorge. Bei seltenen und außergewöhnlichen Starkregen, die überall im Stadtgebiet auftreten können, ist die Leistungsfähigkeit der nur für normale Bemessungsregen ausgelegten Kanäle überschritten und es kommt zu Sturzfluten an der Oberfläche. Die Starkregen können statistisch zufällig einzelne Stadtteile häufiger treffen, entscheidend bleibt die Gefährdung am jeweiligen Ort. Die Starkregenvorsorge muss das gesamte Stadtgebiet betrachten, so dass bei den folgenden Antworten meist nur übergreifende Aussagen gegeben werden können. Zu Ihren Fragen im Einzelnen:
- Mit welchem Schadensmaß hat das Nordend zu rechnen (in Abhängigkeit verschiedener Niederschlagsmengen)? Grundsätzlich wird zwischen den Begriffen Gefahr, Risiko und Schadenspotential unterschieden. Das Risiko stellt dabei die Schnittmenge aus Gefahr und Schadenspotential dar. Die Gefahr von Überflutungen durch Starkregen kann mithilfe der Starkregengefahrenkarten der Stadt Frankfurt am Main abgeschätzt werden. Die Gefahr wird durch die weitestgehend natürlichen Randbedingungen (zum Beispiel das Relief und Gewässerverläufe) bedingt und zudem durch die Bebauung geprägt. Jeder Ort in Frankfurt kann potentiell von Überflutungen durch Starkregen betroffen sein. Besonders gefährdet sind Unterführungen einschließlich U-/S-Bahnhöfe, Tunnel sowie Bereiche, die sich unmittelbar an kleineren Fließgewässern oder an Hängen beziehungsweise am Hangfuß befinden. Das Schadenspotenzial ist von der jeweiligen Flächen- und Gebäudenutzung bzw. -gestaltung abhängig. Zum erwarteten Schadensmaß aufgrund von Starkregenereignissen kann für einen ganzen Stadtteil keine Angabe gemacht werden.
- Wie ist die Stadt Frankfurt auf die Gefahr von Starkregenereignissen vorbereitet bzw. wie möchte sie sich darauf vorbereiten? Die Stadtverwaltung Frankfurt am Main befasst sich seit mehr als 10 Jahren mit erhöhter Aufmerksamkeit um das Thema Starkregenvorsorge. Neben der baulichen Berücksichtigung bei Neubaugebieten und bei Straßenbauvorhaben wurde das Thema übergreifend in der Koordinierungsgruppe Klimawandel behandelt und in die "Frankfurter Klimawandelanpassungsstrategie" aufgenommen. Parallel befasste sich eine Arbeitsgruppe mit den nötigen Maßnahmen für die Starkregenvorsorge. Eine der ersten Empfehlungen war die Erstellung von stadtweiten Starkregengefahrenkarten zur Ermittlung und Darstellung der Überflutungsgefahr bei Starkregen. Das Umweltamt hat die Starkregengefahrenkarten beauftragt und vor Kurzem veröffentlicht. Diese Karten sind frei verfügbar unter https://geoportal.frankfurt.de/starkregen. Die flächendeckenden Informationen liefern eine Grundlage, um Risikovorsorge zu betreiben. Die Vorsorge vor Überflutungsschäden bei Starkregen ist eine Gemeinschaftsaufgabe der Stadt im Rahmen der Daseinsvorsorge (Kanal, Straßen, Grünflächen, Feuerwehr, Stadtplanung usw.) und der Grundstückseigentümer*innen, die auf Grundlage des Wasserhaushaltsgesetzes (§ 5 Absatz 2) zum eigenverantwortlichen Schutz verpflichtet sind. Für die Bürger*innen ist über die bereits veröffentlichten Hinweise zur Starkregenvorsorge hinaus eine weitere Informationsbereitstellung vorgesehen. Bei Starkregenereignissen kommt es vorrangig auf den Objektschutz der einzelnen Liegenschaft an. Dazu kommt der generell erforderliche Schutz gegen Rückstau aus dem Kanalnetz in die Grundstücksentwässerungsanlagen, da standardmäßig beim Bemessungsregen oder besonderen Betriebszuständen ein Einstau des Kanals bis zur Straßenoberkante möglich ist. Erkenntnisse aus Starkregenereignissen der letzten Jahre zeigen, dass viele Schäden durch funktionierende Rückstausicherungen, intakte Grundstücksentwässerungsleitungen, kleine Aufmauerungen oder andere einfache Maßnahmen hätten vermieden werden können. Die Sicherung gegen Rückstau aus der Kanalisation und die Unterhaltung der Grundstücksentwässerungsanlagen sind seit jeher in der Entwässerungssatzung verpflichtend geregelt. Die Stadt bearbeitet die neuen Erkenntnisse aus den Starkregengefahrenkarten im Rahmen ihrer Möglichkeiten und nach Prioritäten. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass diese bei allen neuen Vorhaben berücksichtigt werden. Zu den möglichen Vorsorgemaßnahmen gehören die Sicherstellung von Ableitungswegen und Speicherflächen im Straßenraum und in Grünflächen, aber auch auf Grundstücken. Ein weiterer Aspekt der Starkregenvorsorge ist die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, die zur Reduzierung der Abflüsse beiträgt (Dachbegrünung, durchlässige Befestigungen, Mulden u.a.m.). Diese Maßnahmen sind gerade im innerstädtischen Bereich auch für die Hitzevorsorge und die Grünbewässerung von wichtiger Bedeutung und daher in der "Frankfurter Anpassungsstrategie" und der "Klimaallianz" des Umweltdezernats verankert. Gleichzeitig werden durch den veränderten Umgang mit Regenwasser die Kanalisation, die Gewässer und die Kläranlagen entlastet. Dies ist daher als ein Zielpfad im aktuellen Konzept "Abwasser 2035" der Stadtentwässerung Frankfurt am Main enthalten. Für Grundstückseigentümer*innen ist eine Reduzierung der Niederschlagswassergebühr möglich und es gibt für bestimmte Maßnahmen Fördermittel im Rahmen des Programms "Frankfurt frischt auf".
- Welche Maßnahmen sind dazu bereits in Planung oder in Umsetzung? Über die bei der Frage 2 bereits aufgeführten Konzepte und Maßnahmen der Stadt hinaus werden in der laufenden Bearbeitung in allen Bereichen der Stadtverwaltung neue Erkenntnisse der Starkregenvorsorge berücksichtigt. So hat das Stadtplanungsamt bei zwei Stadtplatzgestaltungen im Innenstadtbereich detaillierte 3D-Abflussberechnungen für verschiedene Varianten berechnen lassen, um Starkregenfolgen bewerten zu können. Bei Straßenplanungen wird bereits seit einigen Jahren besonderes Augenmerk auf die Straßenentwässerung und die Ableitung bei Starkregen gelegt. Die Grundsätze der Starkregenvorsorge wurden auch in städtische Fach-Leitfäden aufgenommen, z.B. in die "Leitlinien zum wirtschaftlichen Bauen" (Amt für Bau und Immobilien), den "Ratgeber Klimawandel und Bauen" für die Bauaufsicht und den "Leitfaden Nachverdichtung" (Stadtplanungsamt). Im Rahmen der Bauleitplanung für neue Erschließungsgebiete werden bereits seit 2005 regelmäßig Regenwasserbewirtschaftungs-Konzepte erstellt, die das Thema Starkregenvorsorge mit behandeln und in die städtebaulichen Planungen einfließen. Die Stadtentwässerung Frankfurt am Main weist bei Anträgen auf Anschlussgenehmigung Antragsteller auf Mängel hin. Bislang erfolgte die Bearbeitung bei bekannt gewordenen Überflutungsgefährdungen im Rahmen der laufenden Verwaltung, z.B. durch den Bau von Abfanggräben und Ableitungskanälen (Harheim, Nieder-Eschbach) oder Straßenumbauten. Für die Auswertung und Bearbeitung der nun vorliegenden stadtweiten Informationen zur Starkregengefährdung werden die Prozesse und Strukturen zurzeit angepasst.
- Wie möchte die Stadt Frankfurt ihre Bürgerinnen und Bürger vor Gefahrenlagen warnen? Die Warnung vor Starkregenereignissen und anderen Wetterextremen erfolgt zunächst auch in Frankfurt durch den Deutschen Wetterdienst (DWD) über die öffentlichen Medien und andere Angebote des DWD, wie zum Beispiel Apps. Die Branddirektion würde die Wetterwarnungen des DWD bei einem akut bevorstehenden extremen Starkregenereignis über folgende Warnkanäle ergänzen beziehungsweise mit Handlungsempfehlungen konkretisieren: Rundfunksender, Twitter, Website der Feuerwehr, gegebenenfalls Lautsprecherdurchsagen in Kooperation mit der Polizei. Die Branddirektion prüft die Realisierbarkeit eines flächendeckenden Sirenennetzes als weiteren Warnkanal.
- Welche Erkenntnisse werden aus der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalenm und Rheinland-Pfalz genutzt, um auch Frankfurt/das Nordend besser vor Starkregenereignissen zu schützen? Die extreme Hochwasser-Flutkatastrophe im Sommer hat in der Öffentlichkeit ein stärkeres Bewusstsein für den Hochwasserschutz, aber auch die Notwendigkeiten der Klimawandelanpassung geschaffen. Es handelte sich dabei um ein großräumiges Hochwasserereignis in einer engen Tallage, das dennoch Anlass ist, sich mit dem Hochwasserschutz an Frankfurts Gewässern zu befassen. Neben dem Main und der Nidda, bei denen durch Vorwarnzeiten, Dämme und Wehre das Überflutungsrisiko reduziert werden kann, sind bei einigen kleineren Bächen Vorwarnungen nicht möglich und im Hinblick auf die zu erwartenden Verschärfungen durch den Klimawandel noch weitere Maßnahmen zu entwickeln, zum Teil in Abhängigkeit von den Oberliegern. Die Starkregenvorsorge ist davon jedoch zu unterscheiden. Wie zuletzt im Juni dieses Jahres in Frankfurt passiert, entladen sich Gewitterzellen in kurzer Zeit über dem aufgeheizten Stadtgebiet und führen lokal begrenzt zu extremen Sturzfluten, die ohne Rücksicht auf Grundstücksgrenzen dem Gefälle folgend ablaufen und in Senken zu gefährlichem Aufstau führen können. Die Kanalisation kann für solche seltenen bis extremen Starkregenereignisse technisch und wirtschaftlich nicht ausgelegt werden. Historisch ungünstige Bedingungen, Nachverdichtungen und mangelnder Objektschutz führen dann zusammen mit dem Klimawandel zu höheren Schäden.
Quelle: Originaldokument in PARLIS ansehen
Verfahrensverlauf
Vom Antrag bis zur Antwort — jeder Schritt anklickbar.
- 23. August 2021OFOF 96/3Bewertung der Risikolage für Hochwasserereignisse im Nordend und Übersicht zu PräventivmaßnahmenOrtsbeiratsantrag · GRÜNE
- 9. September 2021OMOM 726Bewertung der Risikolage für Hochwasserereignisse im Nordend und Übersicht zu PräventivmaßnahmenDirektanregung
- 10. Januar 2022Sie sind hierAntwort des Magistrats · nach 20 WochenSTST 56Bewertung der Risikolage für Hochwasserereignisse im Nordend und Übersicht zu PräventivmaßnahmenStellungnahme
Wie wir den Verfahrensweg aus den PARLIS-Daten rekonstruieren:im Blog erklärt.
Was bedeutet diese Vorlage?
Die Antwort des Magistrats auf einen Antrag, eine Anregung oder eine Anfrage — aus dem Ortsbeirat, der Stadtverordnetenversammlung oder der KAV. Sie gibt die Sicht der Verwaltung wieder und fließt in die weitere Beratung ein.
- 1Antrag, Anregung oder Anfrage
- 2zuständiges Dezernat prüft
- 3Magistrat gibt Stellungnahme ab