Kolonialgeschichte ins Bewusstsein rücken
Zusammenfassung
Die Stellungnahme des Magistrats befasst sich mit der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und deren Auswirkungen. Es wird betont, dass sowohl das Museum der Weltkulturen als auch das Historische Museum Frankfurt aktiv an der Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit arbeiten. Eine zusätzliche Dauerausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte wird als nicht sinnvoll erachtet, jedoch wird die historische Aufarbeitung der kolonialen Aktivitäten Frankfurts angeregt.
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Thema Kultur verfolgenStellungnahme des Magistrats
Sowohl das Museum der Weltkulturen (WKM) als auch das Historische Museum Frankfurt (HMF) arbeiten bereits beständig daran, über die Folgen der deutschen Kolonialgeschichte sowie globaler kolonialer Machtverhältnisse als weltweite Verflechtung aufzuklären und kritisches Bewusstsein zu fördern.
Das WKM ist ein ethnologisches Museum. Es repräsentiert und reflektiert in allen seinen Projekten Inhalte und Methoden einer modern betriebenen Ethnologie. Bei dieser Disziplin handelt es sich um eine Sozial- und Kulturanthropologie, die die Erforschung des Menschen in seinen sozialen und kulturellen Bezügen betreibt. Ihr methodischer Ansatz ist ein kulturvergleichender, der von der Gleichwertigkeit aller Menschen und Kulturen ausgeht. Dementsprechend geht es im Weltkulturen Museum immer um das Selbstverständnis anderer Kulturen und Indigener Gruppen sowie um das Aufzeigen stereotyper Eurozentrismen. Das WKM richtet den Blick nicht ausschließlich auf die deutsche Kolonialgeschichte. Die Sammlungen des Museums stammen aus Afrika, beiden Amerikas, Ozeanien (Australien und pazifische Inselstaaten) und Südostasien. In allen vertretenen Regionen gab es zu unterschiedlichen Zeiten koloniale Herrschaftsverhältnisse, die sich vielfach bis heute fortsetzten. Dabei handelt es sich nicht nur um die deutsche Kolonialherrschaft, sondern auch um diejenige anderer Staaten. Diese globalen Verflechtungen und ihre aktuellen Folgen wie Migration, Umweltzerstörung und Diskriminierung thematisiert das WKM immer wieder in ganz unterschiedlichen Formaten von Ausstellungen und Projekten. Das WKM hat keine für Dauerausstellungen geeignete Flächen (begrenzte Räume und mangelnde Klimatisierung). Sein Programm basiert daher auf wechselnden Ausstellungen. Deshalb können einzelne Sachthemen nicht dauerhaft vertreten sein. Das Thema kolonialer Strukturen und ihrer Folgen ist jedoch immer in unterschiedlichen Aspekten Bestandteil der Museumsprojekte.
In der Ausstellung "Entre Terra e Mar. Zwischen Erde und Meer-Transatlantische Kunst" (2017-2018) waren Kolonialismus und Sklaverei und die daraus folgende Diskriminierung Schwarzer Menschen zentrales Thema. Kuratiert wurde dieser Teil aus der Perspektive eines Betroffenen, nämlich des afrobrasilianischen Künstler Ayerson Heraclito. In der Ausstellung "Weltenbewegend. Migration macht Geschichten" (2019-21) ging es u.a. um die Perspektiven Schwarzer Menschen in Deutschland sowie um die Folgen kolonialer Strukturen. Unter dem Titel "Mahina. Eine Ode an die Frau" wurde ein Teilbereich vom niederländisch-molukkischen Künstlerkollektiv Teru kuratiert, die damit auf einen Teil der Kolonialgeschichte Indonesiens Bezug nahmen. Gerade in Planung ist die nächste große Ausstellung "Healing - Leben im Gleichgewicht" in Kooperation mit Indigenen Minderheiten, internationalen Aktivist*innen sowie Umwelt- und Klimaschutzorganisationen. Es geht dabei auch um durch koloniale Strukturen verursachte Krisen und ihre Bewältigung.
Ebenso wurden im Weltkulturen Labor Ausstellungen zu entsprechenden Themen gezeigt. "Gesammelt, Gekauft, Geraubt? Fallbeispiele aus kolonialem und nationalsozialistischem Kontext" (2018-19) stellte Ergebnisse von Provenienzforschung des WKM vor und setzte sich direkt mit der Sammelgeschichte von Objekten aus kolonialem Kontext auseinander. "Hidden in Plain Sight. Vom Unsichtbarmachen und Sichtbarwerden" erprobte, wie durch unterschiedliche Perspektiven und Zugänge ein Raum im Museum geschaffen werden kann, der sich kritisch mit Kolonialismus und den damit verbundenen Auswirkungen bis in die Gegenwart auseinandersetzt. Dabei spielte auch das Thema Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund eine Rolle. Im Rahmen dieser Ausstellung fand das Projekt "In Plain Sight. #ichbinsichtbar" als Gastausstellung von Kosmos e.V. statt. Mit Portraits und Statements erzählten junge Menschen von ihren ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten, ihren Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen. Das Projekt "Invisible Inventories. Zur Kritik kenianischer Sammlungen in westlichen Museen" (2021-22) war eine Kooperation mit kenianischen Künstlerkollektiven und dem kenianischen Nationalmuseum, bei der in erster Linie afrikanische Stimmen zu Wort kamen. Im Begleitprogramm gab es eine Veranstaltungskooperation mit dem Kone-Netzwerk e.V. (Verein afrikanischer Frauen).
Die Bildung und Vermittlung des WKM bietet außerdem jederzeit buchbare Workshops für Schüler*innen der Mittel- und Oberstufe an. So werden in der Einheit "Störbilder" anhand historischer Fotografien aus dem Archiv koloniale Muster und ihre möglichen Kontinuitäten zu aktuellen rassistischen Bildern analysiert. Im Workshop "Was macht das hier" erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit Herkunfts- und Erwerbsgeschichten von Objekten, die mit deutscher Kolonialgeschichte verflochten sind.
Das HMF ist das Frankfurter Stadtmuseum. Es nimmt seit 2018 an dem großen Förderprojekt der Kulturstiftung des Bundes "360 Grad - Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft" teil. Damit wird das Museum bei der Umsetzung einer diversitätssensiblen Museumsarbeit unterstützt: in seinem Personal, seinem Publikum und in seinem Programm. Das HMF führt schon seit 2010 das partizipative Ausstellungsformat Stadtlabor durch. Dabei werden Frankfurter*innen eingeladen, ihre Expertise und ihre Ausstellungsideen zu wechselnden Themen der Stadt einzubringen. Die Ausstellungsprojekte werden in enger Zusammenarbeit zwischen Museum und Expert*innen (Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Stadtbewohner*innen etc.) erarbeitet. Im Stadtlabor werden die Kurator*innen des Museums zu Moderator*innen und Koordinator*innen eines Prozesses, bei dem die Perspektiven und das Erfahrungswissen der beteiligten Stadtlaborant*innen im Zentrum stehen.
Die beiden "Diversitätsagentinnen" des Museums, ermöglicht durch das Programm 360 Grad, arbeiteten an zwei Stadtlabor-Ausstellungen mit: "Kein Leben von der Stange: Migration, Arbeit und Familie" (2019) und "Ich sehe was, was Du nicht siehst: Rassismus, Widerstand und Empowerment" (2020-21). Beide Projekte wurden jeweils in einem zehnmonatigen Prozess erarbeitet. Dabei wurden die Lebensrealitäten von marginalisierten Menschen wie Schwarzen Menschen, People of Color, Sinti*zze und Rom*nja sowie Menschen mit Migrationsgeschichte, Flucht- und Rassismuserfahrungen in den Mittelpunkt gestellt. Mit dem Projekt "Frankfurter Geschichten" als Teil der Stadtlabor-Ausstellung "Kein Leben von der Stange" wurde der Blick von der Gastarbeiter*innengeschichte auf transkontinentale Migrationsgeschichten in Frankfurt erweitert. Mit diesem Beitrag wurde die Bandbreite der vielfältigen Lebensrealitäten sowie der Migrations- und Diasporaerfahrungen von Frankfurter*innen deutlich gemacht.
Ende November 2019 lud das HMF ein, die Stadtlabor-Ausstellung "Ich sehe was, was Du nicht siehst: Rassismus, Widerstand und Empowerment" mit dem Fokus auf Dekolonisierung und Rassismus partizipativ zu erarbeiten. In einem diskriminierungssensiblen Rahmen wurden die Themen Rassismus und Kolonialgeschichte in Frankfurt thematisiert, diskutiert und dargestellt. Die Arbeit an der Ausstellung wurde von den rassistischen Anschlägen in Halle und Hanau und den daran anschließenden Diskursen geprägt. Die Ausstellung zeigte deutlich, dass Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das Wurzeln in der Kolonialgeschichte und (in Deutschland) im Nationalsozialismus hat.
Seit 30.4.2022 zeigt das HMF eine neue Thementour in seinen Dauerausstellungen: "Blickwechsel: Dem Rassismus auf der Spur". Sie wurden in 2020-22 gemeinsam mit postkolonial engagierten Menschen und Menschen aus ganz Deutschland erarbeitet, die aus ehemaligen Kolonien stammen. Die 18 Beiträge decken koloniale Spuren in den Exponaten der Dauerausstellungen auf und machen postkoloniale Perspektiven darauf sichtbar bzw. fügen solche hinzu.
Im November 2021 eröffnete das HMF das biografische Kabinett zum NS-Zeitzeugen, Schauspieler und Redakteur Theodor Wonja Michael (1925-2019). Mit diesem Kabinett werden Schwarze kollektive Erinnerungen als Teil der deutschen Geschichte und Erinnerungskultur präsentiert und intersektionale Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen Menschen sichtbar gemacht. An Michaels Leben lässt sich anschaulich die Geschichte von Schwarzen Menschen im 20. Jahrhundert verdeutlichen.
Für 2023 wird das Stadtlabor "Demokratie - Vom Versprechen der Gleichheit" vorbereitet, bei dem Fragen der politischen Partizipation von den Rändern der Stadtgesellschaft her betrachtet werden. Auch hier werden postkoloniale Perspektiven von Stadtbewohner*innen eingebracht.
In Anbetracht des Umfangs von entsprechenden Angeboten erscheint die Einrichtung einer zusätzlichen Dauerausstellung ganz allgemein zur deutschen Kolonialgeschichte nicht sinnvoll. Das HMF zeigt Frankfurter Geschichte im europäischen bzw. globalen Kontext und macht koloniale Ereignisse, Sichtweisen oder Objekte in seinen Sammlungen und in den Ausstellungen sichtbar. Für deutsche Geschichte sind die großen Bundesmuseen in Berlin und Bonn zuständig.
Um als internationale Stadt ein Zeichen zu setzen, wäre es allerdings wünschenswert, die kolonialen Aktivitäten und Verflechtungen der Stadt Frankfurt selbst historisch aufzuarbeiten und ihre aktuellen Nachwirkungen zu erforschen. Dies kann nicht vom regulären Personal des Weltkulturen Museums, das sich ja bereits intensiv mit der Provenienzforschung zu den eigenen Sammlungen befasst, oder des Historischen Museums, das bereits in seiner Dauerausstellung entsprechend zum Thema Kolonialzeit interveniert, geleistet werden. Da es hier um eine Vielfalt von Themen (koloniale Aktivitäten Frankfurter Bürger und Frankfurter Firmen, kommerzielle Interessen, Völkerschauen an Orten in Frankfurt, museale Sammlungen etc.) geht, kann das nur in einem Projekt mit internationalen und interdisziplinären Wissenschaftler*innen geleistet werden. Die Ergebnisse könnten dann nach Abschluss und Publikation eines solchen Forschungsprojektes Ausgangspunkt für Ausstellungen werden.
Quelle: Originaldokument in PARLIS ansehen
Verfahrensverlauf
Vom Antrag bis zur Antwort — jeder Schritt anklickbar.
- 25. Oktober 2021KK 40Kolonialgeschichte ins Bewusstsein rückenKAV-Anregung
- 8. August 2022Sie sind hierAntwort des Magistrats · nach 41 WochenSTST 1763Kolonialgeschichte ins Bewusstsein rückenStellungnahme
Wie wir den Verfahrensweg aus den PARLIS-Daten rekonstruieren:im Blog erklärt.
Was bedeutet diese Vorlage?
Die Antwort des Magistrats auf einen Antrag, eine Anregung oder eine Anfrage — aus dem Ortsbeirat, der Stadtverordnetenversammlung oder der KAV. Sie gibt die Sicht der Verwaltung wieder und fließt in die weitere Beratung ein.
- 1Antrag, Anregung oder Anfrage
- 2zuständiges Dezernat prüft
- 3Magistrat gibt Stellungnahme ab