Johannes Grützkes Gemälde „Der Zug der Volksvertreter“ in der Frankfurter Paulskirche polarisiert seit jeher. Im Diskurs
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Zusammenfassung
Der Magistrat wird gefragt, wie er zur Entfernung des Gemäldes "Der Zug der Volksvertreter" von Johannes Grützke in der Paulskirche steht. Das Gemälde ist ein bedeutendes Kunstwerk, das eng mit der Geschichte der deutschen Demokratie verbunden ist. Es wird vorgeschlagen, das Kunstwerk an seinem Platz zu belassen, um die Symbiose mit der Paulskirche zu bewahren.
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Thema Kultur verfolgenFrage an den Magistrat
Johannes Grützkes Gemälde "Der Zug der Volksvertreter" in der Frankfurter Paulskirche polarisiert seit jeher. Im Diskurs um die Sanierung der Paulskirche wurde zuletzt der Verbleib des Rundbildes in Frage gestellt.
Daher frage ich den Magistrat:
Wie steht denn der Magistrat zur Entfernung des kontroversen Kunstwerks?
Antwort des Magistrats
Stadträtin Dr. Ina Hartwig:
Frau Vorsteherin,
sehr geehrter Herr Stadtverordneter Bäppler-Wolf!
Viele Kunstwerke gehen eine Symbiose mit ihrem Ausstellungsort ein. Einige, weil sie in unserem kollektiven Gedächtnis unmittelbar mit ihm verbunden sind, andere, weil sie als Auftragswerk einzig für diesen bestimmten Ort konzipiert wurden.
Untrennbar verbunden mit der Paulskirche ist "Der Zug der Volksvertreter" von Johannes Grützke. Es handelt sich um ein Auftragswerk der Stadt Frankfurt aus dem Jahr 1987, dem ein Wettbewerb vorausgegangen war. Der Wandzyklus im Zentralbau der Paulskirche im Erdgeschoss gilt heute als ein Hauptwerk im gesamten Œuvre des Künstlers und hat nach all den Jahren nichts von seiner Aktualität und Wirkung verloren: ein Historienbild ohne historisches Pathos. Grützke selbst sagte hierüber anlässlich seines 70. Geburtstags, dass er ein Pathos historischer Darstellung gar nicht kenne und sein Bild in der Paulskirche nur insofern historisch sei, dass es 17 Jahre alt sei.
In seiner Arbeit fokussiert sich Grützke auf den Einzug der Abgeordneten in die Paulskirche. 1848 waren das in Frankfurt 600 Abgeordnete. 160 von ihnen zeigt Grützke auf seinem 30 Meter langen und drei Meter hohen Fries. Dieses Defilee umschließt das Raumoval, unterbrochen nur vom Eingang auf der Rückseite. Obwohl 14 Rundpfeiler um die Rotunde teilweise den Blick verstellen, legt der Kompositionsrhythmus - mit 14 Abschnitten und unterschiedlich großen Stationen - nahe, eine Endlos-Phalanx zu skalieren.
Grützke versinnbildlicht im Einzug der schwarz gekleideten Abgeordneten in die Paulskirche die Demokratie als offenen Prozess. Er erinnert uns daran, dass der Weg zur Demokratie in Deutschland kein geradliniger Sonnenweg war, sondern dass er holprig, windungs- und konfliktreich und von vielen Rückschlägen unterbrochen war.
Der Betrachter und die Betrachterin muss die Prozession umwandern und fügt sich damit gewissermaßen in den Zug der Volksvertreter ein, er oder sie wird Teil der Demokratiegeschichte - das ist ein genialer Coup von Grützke gewesen. Wir können den Volksvertretern aber auch entgegentreten und ihnen die Stirn bieten: eine vom Künstler klug und geradezu prophetisch erkannte Grundspannung in der Demokratie, die im Übrigen aktueller denn je ist. Das Bild, das sich um die Rotunde windet, hat keinen Anfang und kein Ende. Die Volksvertreter sind demnach immer auf dem Weg. Sie sind Einzelne und zugleich Masse.
Jede Zeit und jede Epoche hat ihre Denkmäler. Die Paulskirche ist das Denkmal der deutschen Demokratie. An kaum einem anderen Ort sind Bezüge zum Freiheitsdenken so evident und unmittelbar fassbar wie in der Paulskirche. Sie ist das nationale Symbol politischer Freiheit.
Das zeitgenössische Panoramagemälde des 2017 verstorbenen Malers Johannes Grützke gehört inzwischen untrennbar zu diesem nationalen Symbol. Es zeigt die ersten gewählten Volksvertreter vor - im nächsten Jahr - 175 Jahren. Sie unterscheiden sich in Aussehen, Habitus und Geschlechtermischung - es sind 1848 nur Männer gewesen - von den heutigen Parlamentariern. Aber, und das ist entscheidend: Sie sind in ihrer fleischlichen, sinnlichen Körperlichkeit die Vorwegnahme einer heute so fruchtbar gewordenen Arbeitshypothese: dass sich nämlich in den Körpern die Geschichtsmacht ablesen lässt.
Und so können wir voller Überzeugung sagen: Das Gemälde von Johannes Grützke ist ein zeitgenössisches und ein zeitloses Dokument, das mit der Paulskirche, wie viele andere Kunstwerke, seit langer Zeit eine Symbiose eingegangen ist und hier von vielen Besucherinnen und Besuchern bewusst aufgesucht wird.
Das Bild ist von berufenen Kunstkennern - von Werner Hofmann bis Klaus Gallwitz - ausgewählt und gerühmt worden. Es stellt heute längst ein bedeutendes Stück Kunstgeschichte dar, auf das Frankfurt stolz sein kann. Ich plädiere dringlich dafür, es an seinem Platz zu belassen. Wenn die Beleuchtung im Zuge der Sanierung dann noch verbessert wird, ist die Sache - buchstäblich - rund.
(Beifall)
Quelle: Originaldokument in PARLIS ansehen
Was bedeutet diese Vorlage?
Eine kurze Frage, die in der Fragestunde einer Plenarsitzung an den Magistrat gestellt wird. Der Magistrat antwortet mündlich in der Sitzung oder schriftlich nach.
- 1Stadtverordnete/r stellt Frage
- 2Fragestunde im Plenum
- 3Magistrat antwortet
Der Weg dieser Vorlage
Am 13. Oktober 2022 wurde diese Frage in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht. Der Magistrat nahm dazu in der Fragestunde Stellung; die Antwort steht unten im Dokument.